Wie erhöht Übergewicht das Krebsrisiko?

Mehrere Mechanismen im Körper führen dazu, dass krankhaftes Übergewicht mit einem erhöhten Krebsrisiko verbunden ist. Eine neue Studie deutscher Wissenschaftler beschäftigt sich damit, diese Mechanismen zu klären. Dabei fokussierten sich die Forscher auf eher ungewöhnliche Faktoren, die Übergewicht mit Krebs verbinden, vor allem die extrazelluläre Matrix und die Angiogenese von Krebs sowie die andrenerge Signalgebung.

Zuletzt aktualisiert am 3. November 2022 um 17:30

3 neue Wirkmechanismen untersucht

Fettleibigkeit kann die Wahrscheinlichkeit erhöhen, an verschiedenen Arten von Krebs zu erkranken. Experten schätzen, dass Krebserkrankungen bei etwa 12 % der Männer und 13 % der Frauen weltweit auf überschüssiges Körperfett zurückzuführen sind. Einige Schätzungen liegen sogar noch höher. Zudem sterben Menschen mit starkem Übergewicht auch häufiger an Krebs.

Starkes Übergewicht wird im Allgemeinen definiert als ein Body-Mass-Index (BMI) von über 30. Allerdings eignet sich der BMI nicht immer zur Bestimmung von Übergewicht. Zum Beispiel sind viele Kraftsportler laut ihrem BMI „fettleibig“, einfach wegen ihrer beträchtlichen Menge von Muskelgewebe. Die Ansammlung von überschüssigem Körperfett ist eine andere Möglichkeit, Fettleibigkeit zu definieren. Im Allgemeinen wird für Männer ein Grenzwert von über 25 % und für Frauen von über 30 % angenommen.

Bekannte Faktoren: Signalstoffe und Entzündung

Im Laufe der Jahre haben Wissenschaftler zahlreiche Daten zu Mechanismen gesammelt, die überschüssiges Körperfett direkt mit Krebs in Verbindung bringen. Dabei gibt es zwei bekannte Mechanismen – Fettsignalisierung und Entzündung. Mit 3 weiteren Mechanismen haben sich jetzt die deutschen Forscher beschäftigt – Umbau der extrazellulären Matrix, Angiogenese und adrenerge Signalübertragung. Der Begriff Andrenerg bezeichnet Signalwege von Adrenalin und Noradrenalin.

Körperfett ist kein inaktives Gewebe. Fettzellen produzieren und senden Signalmoleküle aus, die biologische Prozesse im Körper steuern. Ein gewisses Maß an Körperfett ist wichtig für den Hormonhaushalt.

Übergewicht: Hohe Sterblichkeit bei Krebs

Bei Menschen mit zu viel Körperfett funktionieren die Signalwege jedoch nicht mehr. Die Nachrichten werden verstümmelt. Das Ergebnis ist eine Beeinträchtigung normaler Prozesse, die zu Krebs führen kann. In einer bösartigen Rückkopplungsschleife können Krebszellen auch Fettzellen „rekrutieren“ und für ihr Wachstum missbrauchen. Das könnte einer der Gründe sein, warum Fettleibigkeit das Krebssterblichkeitsrisiko erhöht.

Das zusätzliche Fettgewebe – insbesondere um die Leber herum und die Infiltrationen in der Skelettmuskulatur – bringt zahlreiche Signalwege im Körper durcheinander. Insulinsignalisierung ist ein offensichtliches Beispiel. Insulinresistenz bei Typ-2-Diabetes kann auch das Krebsrisiko erhöhen. Interessanterweise ist dieses Risiko bei Typ-1-Diabetes viel geringer.

Chronische Entzündungen bei Fettleibigkeit

Genau wie Körperfett hat eine Entzündung ihren Nutzen. Kurzfristige akute Entzündungen helfen dem Körper, sich gegen Viren und Bakterien zu verteidigen.

Eine geringgradige chronische Entzündung im Körper ist sowohl mit dem Altern als auch mit Fettleibigkeit verbunden. Daher kann Fettleibigkeit das Immunsystem vorzeitig altern lassen. Wenn die Entzündung zu lange anhält und sich nicht von selbst zurückbildet, hat der Körper keine Chance, zu seinem normalen Stoffwechsel zurückzukehren. Das Immunsystem wird überlastet und aufstrebende Krebszellen können dies ausnutzen.

Diese beiden Mechanismen – Fettsignalisierung und Entzündung – sind die am besten etablierten Wege, wie Fettleibigkeit zu einem erhöhten Krebsrisiko führt. Die neue Studie plädiert jedoch für weitere Mechanismen.

Fibrosen in der extrazellulären Matrix

Zellen sind in die extrazelluläre Matrix (ECM) eingebettet. Diese Ansammlung von Bindegewebe und Strukturelementen hält alle Zellen an Ort und Stelle. Wenn der Körper zu viel Fettgewebe ansammelt, ist Fibrose eine der Folgen. Fibrose bedeutet, dass geschädigtes Organgewebe durch Bindegewebe ersetzt wird, eine Art innere Vernarbung. Dadurch wird die ECM krebsfreundlicher. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Leberfibrose, die sich zu einer Zirrhose und dann zu Krebs entwickelt. Dasselbe könnte für Körperfett und die angrenzenden Gewebe/Organe der Fall sein.

Auch Tumore brauchen Nahrung. Um es zu bekommen, spornen sie den Körper an, Blutgefäße umzuleiten und neue aufzubauen. Dieser Prozess ist als Angiogenese bekannt. Bei dicken Schichten Körperfett hin wird es immer schwieriger, dieses Gewebe mit Sauerstoff zu versorgen.

Körperfett mit Sauerstoffmangel setzt Angiogenese-fördernde Moleküle frei. Tumore können diesen Umstand zu ihrem Vorteil nutzen.  

Krebsfördernd: Katecholamine im Blut

Das adrenerge Signalsystem reguliert das Kampf-oder-Flucht-System und eine Reihe biologischer Prozesse, wie Stoffwechsel, Zellproliferation, Entzündung oder Reaktion auf DNA-Schäden. Bei Übergewicht werden Katecholamine wie Adrenalin im Blutkreislauf freigesetzt. Im Körperfett selbst wird die adrenerge Signalisierung jedoch gedämpft. Bleiben Katecholamine zu lange im Blut, fördern sie die Entstehung und das Wachstum von Krebs.

Die Studienautoren kommen zu dem Schluss: „In Zukunft wird es entscheidend sein, das Bewusstsein für die Zusammenhänge zwischen Stoffwechselerkrankungen und ihren langfristigen Folgen für Krebs bei Patienten, Ärzten und der Forschungsgemeinschaft zu schärfen, um die Krankheit zu verhindern oder die Behandlungsergebnisse bei Krebs zu verbessern.“

Quelle:

Pellegata NS, Berriel Diaz M, Rohm M, Herzig S. Obesity and cancer-extracellular matrix, angiogenesis, and adrenergic signaling as unusual suspects linking the two diseases. Cancer Metastasis Rev. 2022 Sep;41(3):517-547. doi: 10.1007/s10555-022-10058-y. Epub 2022 Sep 8. PMID: 36074318; PMCID: PMC9470659. (https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/36074318/)

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Kornelia ist ausgebildete Redakteurin, Buchautorin und freie Texterin. Ihre Erfahrung mit Ess-Störungen hat sie in drei Kochbüchern beschrieben, die alle den Gourmand World Cookbook Awards von Edouard Cointreau gewonnen haben. Ihr Buch Cooking for Happiness hat sogar den Titel ‘Best in the World’ in der Kategorie Innovativ erhalten. Neben Ernährung faszinieren sie vor allem Themen im Bereich Gesundheit. Ihr umfangreiches Wissen in diesen Gebieten stellt sie leicht verständlich dar. Besonders liegt ihr eine ganzheitliche Sicht der menschlichen Existenz im Allgemeinen und Körperfunktionen im Besonderen am Herzen.

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