Weichmacher können das Schwangerschaftshormon stören

Phthalate bezeichnet Verbindungen der Phthalsäure, besser bekannt als Weichmacher. Hersteller von Kunststoffen fügen diese chemischen Verbindungen zu spröden Kunststoffen hinzu, um sie elastisch und formbar zu machen. Doch es ist seit langem bekannt, dass sie den Hormonhaushalt stören können. Eine neue Studie von US-amerikanischen Wissenschaftlern zeigt jetzt, dass Phthalate Schwangerschaftshormone ungünstig beeinflussen können

Einfluss auf CRH-Wert der Plazenta

Die aktuelle Studie wurde im Wissenschaftsmagazin Environmental Internation veröffentlicht. Wissenschaftler der Rutgers University in New Jersey fanden in Zusammenhang mit anderen US-amerikanischen Forschern heraus, dass Weichmacher ein wichtiges Hormon für gesunde Schwangerschaften empfindlich stören können.

Phthalate sind in zahlreichen Konsumgütern enthalten, unter anderem in Produkten für die Körperpflege. In den USA schränkte der Consumer Product Safety Improvement Act bereits im Jahr 2008 die Verwendung einer Handvoll Phthalate in vielen Haushaltsprodukten ein.

In der EU sind die fortpflanzungsgefährdenden Phthalate DEHP, DBP und BBP seit 2005 in Spielzeug und Babyartikeln verboten. Dennoch werden Weichmacher nach wie vor in 80 % aller PVC-Artikel eingesetzt. Duschvorhänge, Nagellacke und Lufterfrischer können diese Chemikalien enthalten.

Der Einsatz über viele Jahrzehnte hinweg hat dazu geführt, dass Grundnahrungsmittel wie Milch und Brot mittlerweile Weichmacher enthalten – ganz zu schweigen von Gegenständen des täglichen Bedarfs, die aus Kunststoff bestehen.

Verschlucken, Einatmen oder die Aufnahme durch die Haut hindurch ist bei Phthalaten möglich. Das bedeutet, die meisten Menschen haben heutzutage messbare Mengen dieser allgegenwärtigen Chemikalien in ihrem Körper.

Das Problem von Weichmachern bei einer Schwangerschaft ist ihr Einfluss auf das Corticotropin-Releasing-Hormon (CRH). Die Plazenta produziert dieses Hormon, dessen Spiegel im Laufe der Schwangerschaft ansteigt.

Übrigens nutzt auch das Gehirn CRH als Teil der Stressreaktion des Körpers.

Während der Schwangerschaft ist der CRH-Wert der Plazenta bis zu 10.000 Mal höher als bei Nichtschwangeren. Die Konzentration von plazentalem CRH steigt tendenziell später während der Schwangerschaft an. Frühere Untersuchungen haben bereits gezeigt, dass es wehenfördernde Kontraktionen reguliert.

Wenn der CRH-Spiegel jedoch zu hoch ist oder früh in der Schwangerschaft zu schnell ansteigt, können Probleme wie Frühgeburt, fetale Wachstumsprobleme, Bluthochdruck, Schwangerschaftsdiabetes oder Wochenbettdepression die Folge sein.

Die aktuelle Studie war eine der ersten, die die Wirkung von Phthalaten auf die CRH-Produktion der Plazenta untersuchte. Die Studienautorin Dr. Emily Barrett, außerordentliche Professorin für Biostatistik und Epidemiologie an der Rutgers School of Public Health in Piscataway, New Jersey, erklärte, dass Wissenschaftler bereits „viele Jahre damit verbracht haben, zu lernen, wie sich die Exposition gegenüber Phthalaten beim Menschen auf die Entwicklung des Fötus und damit auf die Gesundheit von Kindern auswirkt“.

Laut Dr. Barrett sei erwiesen, dass Kontakt mit Phthalaten vor der Geburt die Wahrscheinlichkeit einer Frühgeburt erhöht. Nach der Geburt können Weichmacher unter anderem das Wachstum und die neurologische Entwicklung ungünstig beeinflussen. Verantwortlich dafür scheinen Veränderungen in Schlüsselhormonen wie Testosteron, Östrogenen und Schilddrüsenhormonen zu sein.

Allerdings hatte bislang niemand untersucht, ob Phthalate das Corticotropin-Releasing-Hormon beeinträchtigen können. Für die Studie rekrutierten die Wissenschaftler 1018 schwangere Frauen, die von 2001 bis 2011 in ausgewählten Kliniken in Shelby County im US-Bundesstaat Tennessee Schwangerschaftsvorsorge erhielten.

Die Forscher sammelten bei zwei vorgeburtlichen Besuchen Urinproben von jeder Teilnehmerin. Ein Besuch erfolgte in der 16. bis 29. Schwangerschaftswoche und der andere in der 22. bis 39. Schwangerschaftswoche. Für die Studie maßen die Forscher die Phthalat-Metaboliten im Urin, um die Phthalat-Exposition zu beurteilen.

Das Team fand heraus, dass das Vorhandensein verschiedener Phthalate mit höheren CRH-Spiegeln in der Plazenta in der Mitte der Schwangerschaft und einem Abfall der CRH-Spiegel später in der Schwangerschaft verbunden war. Die Hormonspiegel waren bei den Frauen am höchsten, die Schwangerschaftskomplikationen wie Schwangerschaftsdiabetes und Bluthochdruck entwickelten.

„Frauen mit Schwangerschaftskomplikationen wie Präeklampsie und Schwangerschaftsdiabetes schienen am stärksten von diesen Chemikalien betroffen zu sein“, sagte Dr. Barrett. Diese Frauen haben laut Dr. Barrett bereits ein erhöhtes Risiko für einen unglücklichen Ausgang der Schwangerschaft. Die aktuelle Studie signalisiert, dass sie besonders anfällig für Belastungen durch Chemikalien sind.

Die bemerkenswerteste Stärke der aktuellen Studie ist die große Anzahl von Teilnehmern, von denen mehr als die Hälfte schwarze Frauen waren. Diese Gruppe ist in Schwangerschaftsstudien normalerweise unterrepräsentiert.

Zu den Einschränkungen der Studie zählt die Tatsache, dass die Forscher jede Frau während ihrer Schwangerschaft nur zweimal getestet haben. Außerdem halten sich einige Phthalate im menschlichen Körper nur kurz auf, sodass ein Urintest nur eine kürzlich erfolgte Exposition abbilden kann. Das führt dazu, dass die Expositionswerte während der Schwangerschaft über- oder unterschätzt werden können.  

Dr. Barrett betonte, diese Studie sei ein weiterer Nagel im Sarg für Phthalate. Sie forderte eine strengere Regulierung dieser Chemikalien: „Wir alle sind diesen Chemikalien messbar ausgesetzt.“ Jeder Mensch nehme täglich Phthalate auf, „ohne wirklich zu wissen, was die Auswirkungen sein werden.“ Das Beunruhigende an Phthalaten und anderen Chemikalien sei, dass sich die Störung der Hormone sehr subtil auswirke. Ernsthafte Probleme treten demnach oft erst Jahre nach der Exposition auf.

Wissenschaftler haben bereits beobachtet, dass Phthalate die normale Aktivität der Hormone im Körper von Mäusen stören. Diese Mäuse hatten Probleme mit der Fortpflanzung, dem Stoffwechsel und anderen lebensnotwendigen Aktivitäten. Die Auswirkungen waren am signifikantesten, wenn Mäuse bereits im Mutterleib mit Weichmachern in Kontakt kamen.

Dr. Barrett: „Wenn wir alle Phthalaten ausgesetzt sind und sie diese negativen Auswirkungen auf Mäuse haben, was machen sie dann mit uns?“

Um die Exposition mit Weichmachern zu verringern, rät sie zum Konsum von frischen und unverarbeiteten Lebensmitteln. Fast Food und Duftprodukte solle man so wenig wie möglich verwenden.

Quelle:

Barrett ES, Corsetti M, Day D, Thurston SW, Loftus CT, Karr CJ, Kannan K, LeWinn KZ, Smith AK, Smith R, Tylavsky FA, Bush NR, Sathyanarayana S. Prenatal phthalate exposure in relation to placental corticotropin releasing hormone (pCRH) in the CANDLE cohort. Environ Int. 2022 Jan 7;160:107078. doi: 10.1016/j.envint.2022.107078. Epub ahead of print. PMID: 35007898. (https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/35007898/)

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Kornelia ist ausgebildete Redakteurin, Buchautorin und freie Texterin. Ihre Erfahrung mit Ess-Störungen hat sie in drei Kochbüchern beschrieben, die alle den Gourmand World Cookbook Awards von Edouard Cointreau gewonnen haben. Ihr Buch Cooking for Happiness hat sogar den Titel ‘Best in the World’ in der Kategorie Innovativ erhalten. Neben Ernährung faszinieren sie vor allem Themen im Bereich Gesundheit. Ihr umfangreiches Wissen in diesen Gebieten stellt sie leicht verständlich dar. Besonders liegt ihr eine ganzheitliche Sicht der menschlichen Existenz im Allgemeinen und Körperfunktionen im Besonderen am Herzen.

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