Wachen Zellen von Brustkrebs nachts auf?

Zellen von Brustkrebs können sich im Schlaf offensichtlich schneller ausbreiten als zu wachen Zeiten. Gleichzeitig können sie Tumore in anderen Teilen des Körpers bilden, was die Behandlung schwieriger macht. Für eine neue Studie haben Schweizer Wissenschaftler jetzt herausgefunden, dass mehr Brustkrebszellen durch die Blutbahn wandern, wenn betroffene Personen schlafen.

Zuletzt aktualisiert am 12. August 2022 um 15:39

80 Prozent zirkulierender Krebszellen nachts aktiv

Je früher die Diagnose bei Krebs gestellt wird, desto erfolgreicher ist die Behandlung. Besonders aktiv sind Zellen von Brustkrebs jedoch in der Nacht. Das belegt die neue Studie, die im Wissenschaftsmagazin Nature veröffentlicht wurde. Die Schweizer Forscher vermuten jetzt, dass nächtliche Behandlungen von Brustkrebs besonders wirksam sein könnten.

Brustkrebs ist die weltweit am weitesten verbreitete Form von Krebs, die im Jahr 2020 bei 2,3 Millionen Menschen weltweit diagnostiziert wurde. 99% der Fälle von Brustkrebs betreffen Frauen, von denen die meisten 40 Jahre und älter sind.

Früh erkannter Brustkrebs kann gut behandelt werden

Ein Schlüsselfaktor für eine erfolgreiche Behandlung von Brustkrebs ist die Früherkennung. Krebs, der auf Gänge oder Läppchen in der Brust beschränkt ist, wird als Stadium 0 bezeichnet. Er hat ein minimales Ausbreitungspotenzial und kann normalerweise effektiv behandelt werden.

Wie bei vielen anderen Krebsarten können jedoch zirkulierende Tumorzellen (CTCs) von Brusttumoren durch den Blutkreislauf wandern, um an anderen Stellen im Körper Metastasen oder Sekundärtumore zu bilden. Sobald dies geschieht, wird der Krebs schwieriger zu behandeln.

Nun hat ein Team der ETH Zürich, des Universitätsspitals Basel und der Universität Basel herausgefunden, dass sich CTCs im Schlaf viel schneller ausbreiten und teilen als im Wachzustand.

Gruppe von 30 Frauen mit Brustkrebs untersucht

Die Studie untersuchte zunächst eine Gruppe von 30 Frauen, von denen 21 an Brustkrebs im Frühstadium (nicht metastasiert) und neun an Metastasen im Stadium IV litten. Kein Teilnehmer befand sich zum Zeitpunkt der Studie in aktiver Behandlung oder vorübergehend nicht in ärztlicher Behandlung. Die Teilnehmer willigten ein, während der aktiven Phase der Studie Blut zu spenden.

Die Forscher nahmen den Frauen um 10 Uhr morgens im Wachzustand und um 4 Uhr morgens Blutproben ab. Zu diesem Zeitpunkt schliefen die Frauen. Anschließend analysierten sie diese Proben auf das Vorhandensein von CTCs. Zu ihrer Überraschung wurden fast 80 % der CTCs in Blutproben gefunden, die während der Schlafphase entnommen wurden.

Mäuse bestätigen Ergebnisse bei Menschen

Anschließend testeten sie ihre Ergebnisse an Mausmodellen für Brustkrebs. Bei den Mäusen fanden sie heraus, dass sich die meisten CTCs in Proben befanden, die während der Tageslichtstunden entnommen wurden. Allerdings sind diese Säugetiere nachts aktiv. Sie haben also einen umgekehrten zirkadianen Rhythmus im Vergleich zu Menschen.

Dieser Effekt wurde sogar beobachtet, wenn die Schlafmuster der Mäuse gestört waren, entweder durch Manipulation der Hell-Dunkel-Zyklen oder durch die Verabreichung von Melatonin, einem Hormon, das Schlaf und Wachzustand steuert.

Primäre Tumore wachsen nachts schneller

Darüber hinaus fanden die Forscher heraus, dass sich die CTCs nachts schneller teilten als die, die während der Wachstunden ausgeschieden wurden. CTCs in der Ruhephase exprimierten die Gene für die mitotische Zellteilung stärker als andere CTCs, wodurch sie besser metastasieren oder sich ausbreiten können. Zellen in den primären Brusttumoren vermehrten sich ebenfalls schneller während der Schlafphasen.

Die Forscher schlagen vor, dass Hormone wie Melatonin, Testosteron und Insulin an dieser nächtlichen Ausbreitung und Teilung beteiligt sein könnten. Sie betonen jedoch, dass weitere Forschung erforderlich ist, um herauszufinden, wie. Die Erkenntnis, dass CTCs nachts sowohl zahlreicher sind als auch sich schneller teilen, kann Auswirkungen sowohl auf die Diagnose als auch auf die Behandlung von Brustkrebs haben.

Zeitpunkt für Biopsien aufzeichnen

Studienleiter Dr. Nicola Aceto, Professor für Molekulare Onkologie an der ETH Zürich, betonte die Bedeutung des Timings, um sicherzustellen, dass die Daten vergleichbar sind. „Unserer Ansicht nach könnten diese Ergebnisse darauf hindeuten, dass medizinisches Fachpersonal den Zeitpunkt, zu dem sie Biopsien durchführen, systematisch aufzeichnen muss“, sagte er.

Professor Aceto und sein Team wollen nun untersuchen, ob sich andere Krebsarten ähnlich verhalten und ob eine Änderung des Zeitpunkts der Behandlung bestehende Therapien wirksamer machen könnte.

Quelle:

Diamantopoulou Z, Castro-Giner F, Schwab FD, Foerster C, Saini M, Budinjas S, Strittmatter K, Krol I, Seifert B, Heinzelmann-Schwarz V, Kurzeder C, Rochlitz C, Vetter M, Weber WP, Aceto N. The metastatic spread of breast cancer accelerates during sleep. Nature. 2022 Jun 22. doi: 10.1038/s41586-022-04875-y. Epub ahead of print. PMID: 35732738. (https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/35732738/)

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