Verursacht Epstein-Barr-Virus Multiple Sklerose?

Der Epstein-Barr-Virus entpuppt sich immer mehr als Verursacher der Autoimmunerkrankung Multiple Sklerose. Mehr als 90 % aller Erwachsenen weltweit sind mit diesem Virus infiziert. Forscher der renommierten Harvard Universität in Cambridge, Massachusetts, haben jetzt eine Studie veröffentlicht, die den Verursacher der „Kissing Disease“ mit Multipler Sklerose in Verbindung bringt.

Zuletzt aktualisiert am 16. Mai 2022 um 16:10

Die enormen Folgen des Kissing-Virus

Der Epstein-Barr-Virus (EBV) gehört zur Familie der Herpesviren. Meist infizieren sich Menschen bereits im Kindesalter über Speichel mit diesem Virus, der häufig jahrzehntelang ohne erkennbare Symptome im menschlichen Körper schläft. Bei Kindern und Jugendlichen kann sich EBV jedoch als Pfeiffersches Drüsenfieber äußern. Diese Krankheit ist auch als Mononukleose bekannt.

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Jetzt haben Forscher der Harvard University weitere Beweise dafür entdeckt, dass EBV auch zur Entwicklung von Multipler Sklerose (MS) beitragen kann. Bei dieser Autoimmunerkrankung zerstören Entzündungen die Myelinscheide um die Nervenfasern und machen sie so funktionsunfähig.

Das EBV zählt zu den zahlenmäßig häufigsten menschlichen Viren der Welt. Bekannte Symptome sind Fieber, Hautausschlag, Halsschmerzen, Gliederschmerzen und geschwollene Drüsen. Die dadurch verursachte Krankheit wird als Pfeiffersches Drüsenfieber bezeichnet.

Die Erkenntnisse der Harvard-Wissenschaftler zeigen jedoch, dass EBV zu weiteren multiplen Erkrankungen führen kann. Der Hauptautor der Studie, Alberto Ascherio, Professor für Epidemiologie und Ernährung an der Harvard University TH Chan School of Public Health, wies in einer Pressemitteilung darauf hin, dass zahlreiche Wissenschaftler bereits den Zusammenhang zwischen EBV und Multipler Sklerose untersucht haben.

Ascherio: „Dies ist die erste Studie, die überzeugende Beweise für die Kausalität liefert. Die Studie beobachtete eine Gruppe von 955 aktiven Angehörigen des US-Militärs, bei denen MS diagnostiziert wurde. Die Daten verglichen die Forscher mit Proben aus einem Pool von 10 Millionen Militärangehörigen.

Dabei stellten sie fest, dass mit dem EBV infizierte Personen eine 32-mal höhere Wahrscheinlichkeit hatten, an Multipler Sklerose zu erkranken. Bei keinem anderen Virus wurde eine gleiche Wirkung nachgewiesen.

Multiple Sklerose veranlasst offensichtlich die körpereigene Immunabwehr, ansonsten gesunde Myelinscheiden von Nerven im Gehirn und Rückenmark anzugreifen. Die neurodegenerativen Wirkungen führen zu zahlreichen körperlichen Symptomen, wie weit verbreiteten Schmerzen, Taubheit, schlechte Koordination, Muskelschwäche, Lähmung, Seh- und Sprachstörungen sowie Angstzustände und Depressionen.

Laut der National Multiple Sclerosis Society gibt es keine Heilung für die Autoimmunkrankheit. In den USA sind rund eine Million Menschen davon betroffen. Experten schätzen die Zahl in Deutschland auf rund 150.000. Drei von vier Betroffenen sind Frauen. Die meisten Patienten werden als junge Erwachsene oder später in der Lebensmitte diagnostiziert, obwohl sich Multiple Sklerose auch bei kleinen Kindern und Senioren entwickeln können.

Ascherio fügte hinzu: „Dies ist ein großer Schritt, da er darauf hindeutet, dass die meisten MS-Fälle durch Stoppen der EBV-Infektion verhindert werden könnten und dass die Bekämpfung von EBV zur Entdeckung eines Heilmittels für MS führen könnte.“

EBV auszurotten wäre eine Meisterleistung, da die meisten Erwachsenen weltweit Träger der Infektion sind. Ascherio schlägt vor, dass mildernde Faktoren das Risiko der Entwicklung von MS nach einer EBV-Infektion senken könnten.

Ascherio: „Derzeit gibt es keine Möglichkeit, eine EBV-Infektion wirksam zu verhindern oder zu behandeln, aber ein EBV-Impfstoff oder die Bekämpfung des Virus mit EBV-spezifischen antiviralen Medikamenten könnte MS letztendlich verhindern oder heilen.“

Quelle:

Bjornevik K, Cortese M, Healy BC, Kuhle J, Mina MJ, Leng Y, Elledge SJ, Niebuhr DW, Scher AI, Munger KL, Ascherio A. Longitudinal analysis reveals high prevalence of Epstein-Barr virus associated with multiple sclerosis. Science. 2022 Jan 21;375(6578):296-301. doi: 10.1126/science.abj8222. Epub 2022 Jan 13. PMID: 35025605. (https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/35025605/)

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Kornelia ist ausgebildete Redakteurin, Buchautorin und freie Texterin. Ihre Erfahrung mit Ess-Störungen hat sie in drei Kochbüchern beschrieben, die alle den Gourmand World Cookbook Awards von Edouard Cointreau gewonnen haben. Ihr Buch Cooking for Happiness hat sogar den Titel ‘Best in the World’ in der Kategorie Innovativ erhalten. Neben Ernährung faszinieren sie vor allem Themen im Bereich Gesundheit. Ihr umfangreiches Wissen in diesen Gebieten stellt sie leicht verständlich dar. Besonders liegt ihr eine ganzheitliche Sicht der menschlichen Existenz im Allgemeinen und Körperfunktionen im Besonderen am Herzen.

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