Süßstoffe vermurksen die Darmflora

Diät-Produkte mit künstlichen Süßstoffen verringern die Kalorienzahl und ermöglichen Naschkatzen den Genuss sündhafter Süße – ohne an Kalorien zu denken. Doch Aspartam, Saccharin, Sucralose und Stevia verändern das Mikrobiom – leider nicht zum Positiven hin. Das ist das Ergebnis einer neuen Studie israelischer Wissenschaftler. Sie stellt den Konsum dieser Substanzen stark in Frage.

Vorteile, Süßstoffe

Zuletzt aktualisiert am 11. November 2022 um 16:28

Wissenschaftler warnen vor kalorienfreier Süße

Der übermäßige Konsum von Zucker und damit verbundenes Übergewicht ist ein weltweites Problem. Nach Auskunft der Weltgesundheitsorganisation WHO hat sich die weltweite Fettleibigkeit seit 1975 fast verdreifacht. Demnach sind 39 % der Erwachsenen (1,9 Milliarden) übergewichtig sind und 13 % (650 Millionen) fettleibig. Zudem sind weltweit 340 Millionen Kinder über 5 Jahre entweder fettleibig oder übergewichtig.

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Sogar Kinder jünger als 5 Jahre sind von Übergewicht betroffen, wobei 39 Millionen weit über einem gesunden Gewicht für ihr Alter liegen. Unser übermäßiger Zuckerkonsum ist auch direkt mit einem erhöhten Risiko für Hyperglykämie, Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und vielen anderen Gesundheitsproblemen verbunden, die unsere Lebensdauer verkürzen. Schuld daran ist laut WHO vor allem eine zuckerreiche Ernährung.

Zuckeralternativen befriedigen Lust auf Süßes

Zuckeralternativen scheinen ein Weg zu sein, die Lust auf Süßes zu befriedigen und potenzielle Gesundheitsprobleme zu reduzieren. Künstliche Süßstoffe, oder nicht nahrhafte Süßstoffe (NNS) wie Aspartam, Saccharin, Stevia und Sucralose, sind die beliebtesten kalorienfreien Optionen.

Saccharin, der erste Süßstoff, wurde 1879 versehentlich von einem Chemiker hergestellt, der mit Steinkohlenteer arbeitete. Bisher galten künstliche Süßstoffe als inaktiv. Deshalb wurde angenommen, dass sie keine negativen Auswirkungen auf den menschlichen Körper haben. Neue Untersuchungen zeigen jedoch, dass dies nicht der Fall ist.

Deutliche Veränderungen im Mikrobiom

Die Autoren einer neuen Studie, die in der Wissenschaftszeitschrift Cell veröffentlicht wurde, wählten 120 Personen aus, die selten künstliche Süßstoffe konsumierten. Über einen Zeitraum von 2 Wochen hinweg erhielten sie kleine Mengen von künstlichen Süßstoffen.

Die Teilnehmer wurden in 6 Gruppen eingeteilt: 2 Kontrollgruppen bekamen Placebos und 4 Testgruppen konsumierten künstliche Süßstoffe. Die Untersuchungen ergaben, dass künstliche Süßstoffe in den 4 Testgruppen „das menschliche intestinale und orale Mikrobiom signifikant und deutlich veränderten, wie es für diese chemisch unterschiedlichen Verbindungen zu erwarten wäre“.

Mikrobiom wesentlich für Wohlbefinden

Unser Mikrobiom ist eine Sammlung von Billionen von Mikroorganismen, die in unserem Körper leben, darunter Bakterien, Pilze, Viren und andere Kleinstlebewesen. Obwohl wir nicht vollständig verstehen, wie sich dieses komplexe Ökosystem auf den Körper auswirkt, deutet eine wachsende Zahl von Forschungsergebnissen darauf hin, dass ein gesundes Mikrobiom wesentlich für unser Wohlbefinden ist.

Es wurden Verbindungen zwischen unserer Darmflora und Diabetes, Autismus, Angstzuständen, Fettleibigkeit, Schlafgewohnheiten, Medikamentenreaktionen, Immunreaktionen usw. gefunden. Die Forscher konnten allerdings nicht schlussfolgern, dass künstliche Süßstoffe diese Krankheiten direkt beeinflussen. Sie warnen aber davor. Ihrer Ansicht nach schaden „Veränderungen in der Zusammensetzung und Funktion des Darmbioms“ wahrscheinlich mehr als sie nützen.

Glukoseintoleranz durch Saccharin und Sucralose?

Erschwerend kommt hinzu, dass die Forscher herausfanden, dass Saccharin und Sucralose die glykämische Reaktion signifikant beeinträchtigen. Dies bedeutet, dass der Körper Schwierigkeiten hat, den Blutzucker zu verarbeiten, ähnlich wie bei Diabetikern. Überschüssiger Blutzucker kann zu Herzerkrankungen, Nierenversagen, Sehverlust, kognitiven Beeinträchtigungen, Nervenschäden, Infektionen usw. führen.

Um ihre Ergebnisse zu überprüfen, übertrugen die Forscher Proben der Mikrobiome der Teilnehmer auf gesunde Mäuse. Die Tiere reagierten ähnlich wie die menschlichen Studienteilnehmer.

Die Studienautoren betonten: „Durch die Durchführung einer umfangreichen Stuhltransplantation menschlicher Mikrobiome in GF-Mäuse zeigen wir einen kausalen und individualisierten Zusammenhang zwischen NNS-veränderten Mikrobiomen und der Glukoseintoleranz, die sich bei Empfängermäusen entwickelt, die kein NNS konsumieren.“ Dies deutet darauf hin, dass die künstlichen Süßstoffe die Ursache sind für die Glukoseintoleranz sind.

Über die Hälfte der Kinder isst regelmäßig Süßstoffe

Künstliche Süßstoffe sind heute in vielen Lebensmitteln zu finden, von Erfrischungsgetränken bis Brot, von Joghurt bis Müsli. Eine multinationale Studie ergab, dass über die Hälfte der Kinder regelmäßig künstliche Süßstoffe konsumieren. In Ländern, die Gesetze zur Kennzeichnung von Zucker- und Kaloriengehalt auf Produkten haben, sind diese Zahlen sogar noch höher.

Produkte, die als kalorienarm oder zuckerarm vermarktet werden, enthalten in der Regel künstliche Süßstoffe, um den Geschmackserwartungen moderner Verbraucher gerecht zu werden.

Die moderne Welt hat es ermöglicht, Zucker in unnatürlichen Mengen zu produzieren und zu konsumieren. Das führt zu einer Reihe von Gesundheitsproblemen, allen voran Übergewicht. Zuckeralternativen sind jedoch auch keine Lösung, wie diese Studie zeigt.

Quelle:

Suez J, Cohen Y, Valdés-Mas R, Mor U, Dori-Bachash M, Federici S, Zmora N, Leshem A, Heinemann M, Linevsky R, Zur M, Ben-Zeev Brik R, Bukimer A, Eliyahu-Miller S, Metz A, Fischbein R, Sharov O, Malitsky S, Itkin M, Stettner N, Harmelin A, Shapiro H, Stein-Thoeringer CK, Segal E, Elinav E. Personalized microbiome-driven effects of non-nutritive sweeteners on human glucose tolerance. Cell. 2022 Sep 1;185(18):3307-3328.e19. doi: 10.1016/j.cell.2022.07.016. Epub 2022 Aug 19. PMID: 35987213. (https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/35987213/)

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Kornelia ist ausgebildete Redakteurin, Buchautorin und freie Texterin. Ihre Erfahrung mit Ess-Störungen hat sie in drei Kochbüchern beschrieben, die alle den Gourmand World Cookbook Awards von Edouard Cointreau gewonnen haben. Ihr Buch Cooking for Happiness hat sogar den Titel ‘Best in the World’ in der Kategorie Innovativ erhalten. Neben Ernährung faszinieren sie vor allem Themen im Bereich Gesundheit. Ihr umfangreiches Wissen in diesen Gebieten stellt sie leicht verständlich dar. Besonders liegt ihr eine ganzheitliche Sicht der menschlichen Existenz im Allgemeinen und Körperfunktionen im Besonderen am Herzen.

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