Stress lässt das Immunsystem alt aussehen

Chronischer Stress wirkt sich negativ auf die Immunzellen aus. Das ist das Ergebnis einer groß angelegten Studie, die ein Team von Wissenschaftlern in Kalifornien jetzt veröffentlicht hat. Demnach nimmt mit dem Alter die Zahl von T-Zellen ab, die eine wichtige Rolle für das Immunsystem und die gewebespezifischen Altersprozesse spielen.

Zuletzt aktualisiert am 10. August 2022 um 9:45

Zahlreiche Faktoren berücksichtigt

Belastung durch chronischen psychosozialen Stress ist ein Risikofaktor für schlechte Gesundheit und beschleunigtes Altern. Diese Erkenntnis ist nicht gerade neu. Allerdings untersuchten bisherige Studien nicht die genaue Wirkung von Stress auf die Alterung des Immunsystems und ließen zudem wichtige Faktoren wie Lebensstil oder Infektionen mit dem Cytomegalovirus außer Acht. Der Cytomegalovirus gehört zur Familie der Herpesviren. Von über 40 Jahre alten Menschen sind über die Hälfte mit diesem Virus infiziert.

Die neue Studie verwendete für ihre Untersuchungen eine nationale Stichprobe von 5.744 US-Erwachsenen im Alter von über 50 Jahren. Bei ihrer Analyse untersuchten sie folgende Faktoren von sozialem Stress: alltägliche und lebenslange Diskriminierung, belastende Lebensereignisse sowie chronischen Stress. Sie bewerteten den Einfluss dieser Stressoren auf durchflusszytometrische Schätzungen der Immunalterung. Dieses Verfahren bestimmt Oberflächenmoleküle und intrazelluläre Proteine. Damit ermittelten die Forscher Prozentsätze von verschiedenen Immunzellen.

 

Rückgang von nativen Immunzellen

Das Ergebnis: Wie der Rest unseres Körpers, so zeigt auch das Immunsystem starke Zeichen von Abnutzung. Die Häufigkeit und Größe dieser Defekte ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Dank der großen Zahl der Studienteilnehmer lassen sich jedoch Trends erkennen.

Mit zunehmendem Alter lassen sich weniger sogenannte native B- und T-Zellen feststellen. Das sind Immunzellen, die noch keinem Erreger ausgesetzt waren und daher zur Bekämpfung neuer Infektionen herangezogen werden können.

Stattdessen steigt die Zahl terminal differenzierter T-Zellen. Dabei handelt es sich um Immunzellen, die bereits im Einsatz waren und deshalb nur eine bestimmte Funktion ausführen können. Das bedeutet, sie sind nicht mehr universal einsetzbar. Insgesamt werden im Alter weniger Immunzellen produziert, die weniger effizient arbeiten. Das führt unter anderem zu Problemen mit systemischen Entzündungen im Alter.

Individuelle Unterschiede beim Altern

Aber wie bei vielen altersbedingten Veränderungen unterscheiden sich die Geschwindigkeit und das Ausmaß der Schwäche des Immunsystems von Person zu Person erheblich. Gene spielen dabei eine ebenso wichtige Rolle wie der Lebensstil. Stress – besonders chronischer Stress – unterdrückt nicht nur das Immunsystem, sondern scheint auch Altersprozesse zu beschleunigen.

Die Daten für die aktuelle Studie stammen von der US Health and Retirement Study aus. Neben der Zahl und den Typen der Immunzellen berücksichtigte diese Datenbank auch zusätzliche Stressoren und einige Lebensstilfaktoren wie Raucherstatus, Bildung, BMI und Alkoholkonsum.

Schwankende Ergebnisse bei verschiedenen Stressoren

Lebenstrauma und chronischer Stress führen demnach zu einem Rückgang von naiven CD4+-Zellen. Das sind sogenannte T-Helferzellen, die helfen, die „Killer“-Zellen zu aktivieren. Diskriminierung und chronischer Stress haben zur Folge, dass proportional mehr CD4+ terminal differenzierte Zellen im Umlauf sind.

Belastende Lebensereignisse, hohe lebenslange Diskriminierung und Lebenstrauma? Weniger naive Killerzellen. Belastende Lebensereignisse, hohe lebenslange Diskriminierung und chronischer Stress? Mehr terminal differenzierte Killerzellen.

Hohe lebenslange Diskriminierung und chronischer Stress? Niedrigeres Verhältnis von T-Helferzellen zu Killerzellen. Wenn nicht genügend Helferzellen im Umlauf sind, fehlt den Killerzellen die Anleitung. Ein gesundes Immunsystem hat ein Verhältnis von 1:1.

Die Kernbotschaft der Studie: Stress fördert offensichtlich die Altersprozesse im Immunsystem. Die Autoren betonen deshalb: „Die Ergebnisse identifizieren psychosozialen Stress als einen Beitrag zur Beschleunigung der Immunalterung, indem naive T-Zellen verringert und terminal differenzierte T-Zellen vermehrt werden.“ Ein weiteres interessantes Ergebnis war, dass die Lebensstilfaktoren die negativen Auswirkungen von Stress abschwächen können. Korrelation ist natürlich nicht Kausalität.

Quelle:

Klopack ET, Crimmins EM, Cole SW, Seeman TE, Carroll JE. Social stressors associated with age-related T lymphocyte percentages in older US adults: Evidence from the US Health and Retirement Study. Proc Natl Acad Sci U S A. 2022 Jun 21;119(25):e2202780119. doi: 10.1073/pnas.2202780119. Epub 2022 Jun 13. PMID: 35696572; PMCID: PMC9231620. (https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/35696572/)

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