Schützt Cannabinoidrezeptor vor neuropathischen Schmerzen?

Hoffnung für Menschen mit neuropathischen Schmerzen? Der Cannabinoidrezeptor 2 (CB2) kann Nervenzellen vor Schäden schützen. Das zeigt eine Ende Februar veröffentlichte Studie von spanischen Forschern, die dafür Mäuse mit einem Modell des fragilen X-Syndroms untersuchten. Zudem zeigte sich, dass sich die Menge von für die Unterdrückung von Schmerzen wichtigen Signalstoffen in der Wirbelsäule und der Amygdala bei fragilem X-Syndrom veränderten. Die Forscher halten CB2 deshalb für einen lohnenden Angriffspunkt, um durch Nervenschäden bedingte Schmerzen zu behandeln.

Neue Wirkungsmechanismen des Cannabinoidrezeptors 2 entdeckt

Das fragile X-Syndrom ist eine erblich bedingte, genetische Krankheit. Sie ist häufig mit einer gestörten Verarbeitung von Schmerzreizen verbunden und führt deshalb oft zu Selbstverletzungen. Bei fragilem X-Syndrom produziert der Stoffwechsel kaum oder überhaupt kein FMRP-Protein. Dieses Protein ist jedoch unverzichtbar für die normale Entwicklung der Gehirnfunktionen.

In den Synapsen, den Verbindungsstellen zwischen Nervenzellen, steuert dieses Protein die Bildung von verschiedenen Proteinen. Ein Mangel an FMRP führt dazu, dass die Nervenzellen nicht mehr ausreichend kommunizieren können. Bei Patienten mit fragilem X-Syndrom hat das zur Folge, dass Lernfähigkeit, Gedächtnis, soziale Fähigkeiten und die Verarbeitung von Sinnesreizen stark eingeschränkt ist.

Eine verminderte Schmerzempfindlichkeit ist ein typisches Symptom des fragilen X-Syndroms. Mäuse ohne das FMRP-Protein entwickeln keine neuropathischen Schmerzen, die durch Nervenschäden verursacht werden. Wissenschaftler rätseln nach wie vor, was für diese Veränderungen der Schmerzempfindlichkeit verantwortlich ist.

Bisher lassen sich neuropathische Schmerzen kaum wirksam behandeln. Als Ursache vermuten Wissenschaftler Schäden an den Nervenzellen im zentralen und peripheren Nervensystem. Auch Fehlfunktionen gelten als möglicher Grund. Diese Schmerzen sind in der Regel mit einer erhöhten Schmerzempfindlichkeit verbunden. Meist lassen sich dabei keine Reize erkennen, die Schmerzen auslösen könnten.

Millionen Menschen auf der ganzen Welt leiden unter diesen Schmerzen. Unter anderem werden chronische Schmerzen bei Fibromyalgie häufig als neuropathische Schmerzen eingestuft. Die Lebensqualität der betroffenen Patienten ist meist stark beeinträchtigt.

Bekannt ist seit einiger Zeit, dass die Aktivierung des CB2-Rezeptors neuropathische Schmerzen lindern kann. Dieser Rezeptor findet sich auf Zellen des Immunsystems und Zellen, die mit dem Knochenbau beschäftigt sind.

Forscher in der spanischen Stadt Barcelona haben für die aktuelle Studie untersucht, wie sich die Entfernung des CB2-Rezeptors bei Mäusen mit fragilem X-Syndrom auswirkt. Eine Kontrollgruppe von gesunden Mäusen diente dazu, die Ergebnisse zu verifizieren.

Im Rahmen der Studie untersuchten die Wissenschaftler, wie Mäuse mit und ohne fehlende CB2-Rezeptoren auf verschiedene Reize reagieren, unter anderem auf Wärme und Verletzung der Nerven.

Erwartungsgemäß erhöhten Schäden an den Nervenzellen die Schmerzempfindlichkeit und das damit verbunden depressive Verhalten bei gesunden Mäusen. Mäuse mit fragilem X-Syndrom zeigten sich davon unbeeindruckt. Fehlten ihnen jedoch die CB2-Rezeptoren, so zeigten sie sich ebenso schmerzempfindlich wie die gesunden Mäuse.

Interessanterweise führte das teilweise Entfernen der CB2-Rezeptoren nicht zu einer Veränderung der kognitiven Funktionen – weder bei gesunden noch bei kranken Mäusen.

Die Forscher schreiben in ihrer Studie, dass CB2 „an der Schutzwirkung des fragilen X-Mausmodells gegen die sensorischen und emotionalen Manifestationen neuropathischer Schmerzen beteiligt ist“,

Weitere Analysen zeigten, dass nach einer Nervenverletzung die Spiegel von zwei schmerzunterdrückenden Fettmolekülen – Palmitoylethanolamid und Oleoylethanolamid – in der Wirbelsäule von kranken Mäusen im Vergleich zu gesunden Mäusen erhöht waren.

Darüber hinaus waren bei kranken Mäusen die Spiegel von NF-Kappa Beta, einem entzündungsfördernden Molekül, in der Amygdala reduziert. Die rechte und linke Amygdala, auch als Mandelkerne bekannt, sind unter anderem mit dem Gedächtnis und emotionalen Reaktionen auf Schmerzen beschäftigt.

Auch das Protein Homer1 war in der Amygdala verringert. Dieser Signalstoff ist an der Verarbeitung von Sinnesreizen beteiligt. Besonders stark war dieser Effekt in der linken Amygdala zu beobachten.

Mäuse mit verringerten Signalstoffen in der Amygdala verhielten sich unter dem Einfluss von Schmerzen deutlich depressiver als die schmerzresisten Mäuse. Die Wissenschaftler schließen daraus, das NF-Kappa Beta und Homer1 in der linken Amygdala bei der emotionalen Verarbeitung von chronischen Schmerzen eine wichtige Rolle spielen.

Einig sind sich die Forscher, dass CB2-Rezeptoren Nervenzellen vor neuropathischen Schmerzen schützen kann. Die gezielte Behandlung dieser Rezeptoren eröffnet demnach neue Möglichkeiten bei der Behandlung von chronischen Schmerzen. Sie schlagen vor, die mögliche Verwendung von Cannabinoiden als Schmerzmittel in multidisziplinären Studien am Menschen zu untersuchen.

Quelle:

Ramírez-López A, Pastor A, de la Torre R, La Porta C, Ozaita A, Cabañero D, Maldonado R. Role of the endocannabinoid system in a mouse model of Fragile X undergoing neuropathic pain. Eur J Pain. 2021 Feb 22. doi: 10.1002/ejp.1753. Epub ahead of print. PMID: 33619843. (https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33619843/)

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