Politische Korrektheit führt zu Erschöpfung

Politische Korrektheit am Arbeitsplatz ist global ein wichtiges Thema geworden. Eine neue Studie untersuchte jetzt die Folgen der damit verbundenen Selbstzensur, die vermeiden soll, andere auszugrenzen oder zu beleidigen. Schlussfolgerung: Das Bemühen um politisch korrektes Verhalten kann zu geistiger Ermüdung führen. Das ist das Ergebnis der Arbeit US-amerikanischer Forscher, die im Journal of Applied Psychology veröffentlicht wurde.

Selbstzensur am Arbeitsplatz ist anstrengend

Die Vielfalt der modernen Arbeitsplätze bringe zahlreiche Vorteile, aber auch Herausforderungen für die Art und Weise der Interaktion mit sich, so die Studienautoren Joel Koopman, Professor für Business Administration bei Texas A&M, und Klodiana Lanaj, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der University of Florida. Politische Korrektheit am Arbeitsplatz erfordere Sensibilität und Toleranz gegenüber anderen und die Bereitschaft, Worte und Handlungen zu unterdrücken.

Die dafür nötige Selbstbeherrschung könne erschöpfend sein. Das wirke sich meist zu Hause aus. Die von politischer Korrektheit erzeugte Müdigkeit beeinträchtigt, wie gut Mitarbeiter abends mit Partnern und Familienmitgliedern umgehen.

Das Forschungsteam führte eine Reihe von Studien durch, um die Beziehung zwischen politischer Korrektheit und Erschöpfung kognitiver Ressourcen zu untersuchen. Für ihre erste Studie rekrutierten die Forscher Mitarbeiter lokaler Unternehmen und Verwaltungsmitarbeiter von zwei Universitäten sowie deren Partner/Ehepartner. Die Mitarbeiter füllten drei Wochen lang jeden Tag zu Beginn ihres Arbeitstages, am Ende ihres Arbeitstages und am Abend eine Umfrage aus. Ihre Ehepartner füllten jeden Abend eine einzige Umfrage aus. Die endgültige Stichprobe bestand aus 96 Mitarbeitern und ihren Partnern.

Wütend oder zurückgezogen am Abend daheim

Beschäftigte mit einer starken Orientierung zu Beginn ihres Arbeitstages („Ich mache mir Sorgen um die Bedürfnisse und Interessen meiner Kollegen“) gaben eher an, am Ende ihres Arbeitstages politisch korrekt gewesen zu sein („Heute bei der Arbeit habe ich mich selbst zensiert bei der Interaktion mit Kollegen“).

Politische Korrektheit während des Tages war wiederum mit einer stärkeren Erschöpfung der kognitiven Ressourcen am Abend verbunden („Ich fühle mich gerade ausgelaugt“). Partner berichteten in diesen Fällen eher darüber, dass die Beschäftigten wütend wurden oder zurückgezogen waren.

In zwei aufeinander folgenden Studien nutzten die Forscher anschließend die Online-Plattform Prolific, um Vollzeitmitarbeiter zu rekrutieren. Sie wurden gebeten, über ein kürzlich geführtes Gespräch mit einem Kollegen zu schreiben. Die Ergebnisse der beiden Studien mit insgesamt 447 Teilnehmern zeigten, dass Vollzeitbeschäftigte nach einem politisch korrekten Gespräch von einer stärkeren Erschöpfung ihrer kognitiven Ressourcen berichteten.

Politisch korrekte E-Mails ermüden ebenfalls

Als Nächstes führten Koopman und sein Team eine ähnliche Studie mit Studenten einer großen Universität durch. Die Teilnehmer wurden gebeten, eine kurze E-Mail an einen (fiktiven) Studenten zu schreiben, in der sie ihre persönliche Position zu einer kontroversen Situation auf ihrem Campus erläutern.

Die Schüler wurden nach dem Zufallsprinzip einer von vier Gruppen zugeteilt: Sie sollten entweder politisch korrekt, nicht politisch korrekt oder höflich sein. Die vierte Gruppe bekam keine Anweisungen. Nach dem Verfassen der E-Mail erledigten die Teilnehmer eine Stroop-Aufgabe, ein objektives Maß für die Erschöpfung kognitiver Ressourcen, bei dem die Farbe gedruckter Wörter benannt wurde.

Die Forscher fanden heraus, dass Schüler in der politischen Korrektheitsbedingung tendenziell längere Reaktionszeiten beim Stroop-Test hatten, was auf ein höheres Maß an Erschöpfung der kognitiven Ressourcen hinweist.

Die Kosten der politisch korrekten Rücksicht

Für ihre abschließende Studie versuchten Koopman und seine Kollegen zu bestätigen, dass die Orientierung an Bedürfnissen anderer die politische Korrektheit bei der Arbeit anzeigt. Dafür baten sie 201 Vollzeitmitarbeiter, einen kurzen Aufsatz zu lesen. Die Hälfte der Teilnehmer las einen Aufsatz, in dem beschrieben wird, wie sich Gemeinden nach dem Hurrikan Ida zusammenschlossen.

Die andere Hälfte bekam einen Aufsatz, in dem die Bedeutung des Sparens für den Ruhestand beschrieben wurde. Anschließend schrieben die Teilnehmer eine E-Mail an einen (fiktiven) Unternehmer, der überlegte, einen Impfauftrag für Mitarbeiter umzusetzen.

Teilnehmer, die über den Zusammenschluss von Gemeinschaften lasen, gaben eher an, eine politisch korrekte E-Mail geschrieben zu haben.

Verständnis erfordert bewusstes Bemühen

Koopmann und Lanaj: „Unsere Ergebnisse haben durchweg gezeigt, dass sich Mitarbeiter dafür entscheiden, bei der Arbeit mit politischer Korrektheit zu handeln, weil sie sich um den Kollegen kümmern, mit dem sie interagieren. Eine wichtige Erkenntnis unserer Arbeit ist daher, dass politische Korrektheit aus dem guten Wunsch heraus entsteht, inklusiv und freundlich zu sein.“

Entscheidend sei jedoch die Erkenntnis, dass politisch korrektes Verhalten anstrengend ist. Nach der Arbeit könnten die Mitarbeiter deshalb besonders müde und streitsüchtig sein. Daher müssten sich politisch korrekte Mitarbeiter bewusst bemühen, negative Verhaltensweisen zu Hause zu vermeiden. Manager sollten diese möglichen Kosten politisch korrekten Verhaltens ebenfalls verstehen.

„Unsere Studie ist nur ein erster Schritt, um sowohl die Ursachen als auch die Folgen der politischen Korrektheit besser zu verstehen“, erklärten Koopman und Lanaj. „Wir hoffen, dass Forscher sich dafür entscheiden, auch die positiven Auswirkungen der politischen Korrektheit zu untersuchen.“

Quelle:

Koopman J, Lanaj K, Lee YE, Alterman V, Bradley C, Stoverink AC. Walking on eggshells: A self-control perspective on workplace political correctness. J Appl Psychol. 2022 May 23. doi: 10.1037/apl0001025. Epub ahead of print. PMID: 35604713. (https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/35604713/)

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