Neue Behandlung für Lyme-Borreliose?

Chronische Lyme-Borreliose frustriert Ärzte und Patienten seit Jahren gleichermaßen. Die starken anhaltenden Symptome wie chronische Müdigkeit, Muskel- und Gelenkschmerzen, Arthritis oder kognitive Schwierigkeiten mindern die Lebensqualität erheblich. Forscher des Antimicrobial Discovery Centers an der namhaften Northeastern University in Boston haben jetzt eine Substanz gefunden, die den Übergang von akuter zu chronischer Borreliose verhindern kann.

Chronische Erkrankung wirksam verhindern

Die konventionelle Behandlung von Lyme-Borreliose besteht zur Zeit aus hohen Dosierungen verschiedener Antibiotika. Das funktioniert meist jedoch nur, wenn die Infektion früh erkannt wird – bevor sie chronisch wird. Chronische Borreliose kann den gesamten Körper in Mitleidenschaft ziehen. Schäden an der Haut, den Organen, dem Nervensystem und den Gelenken können bei einem chronischen Verlauf bestehen bleiben.

Deshalb machte sich ein Team von Wissenschaftlern an der Northeastern University auf die Suche nach Methoden, die das Fortschreiten der akuten Borreliose in eine chronische Erkrankung verhindern können. Mitte Oktober gab Kim Lewis, Professor für Biologie und Direktor des Antimicrobial Discovery Center an Northeastern, bekannt, eine gezielte Behandlung der akuten Borreliose gefunden zu haben. Sie könne den chronischen Verlauf verhindern.

Lewis: „Unsere begründete Vermutung ist, dass es chronischer Borreliose vorbeugen wird.“ Die Forschungsergebnisse wurden jetzt im Wissenschaftsmagazin Cell veröffentlicht. Sie basieren auf früheren Forschungen von Professor Lewis. Bereits seit langem beschäftigt er sich damit, wie die akute zur chronischen Borreliose fortschreitet.

Wenn bei einem Patienten eine akute Lyme-Borreliose diagnostiziert wird, verschreibt sein Arzt in der Regel ein Breitbandantibiotikum. Bei den meisten Patienten kann dies die Borreliose verursachenden Bakterien vernichten. Aber diese Behandlung führt nicht bei jedem Patienten zur Heilung.

Dies könnte daran liegen, dass Breitbandantibiotika alle Arten von Bakterien abtöten, nicht nur die, die die Krankheit verursachen. Die Lyme-Borreliose wird durch ein Bakterium namens Borreliella burgdorferi verursacht. Es gelangt durch den Biss einer Zecke in den Körper.

Ein Breitbandantibiotikum richtet sich nicht nur gegen die Borreliose-Verursacher, sondern auch gegen unser Mikrobiom. Im Darm lebt eine Vielzahl verschiedenster Bakterien. Sie halten die Verdauung in Balance und tragen zu unserer Gesundheit bei, unter anderem, indem sie Nahrung aufspalten. Wenn Antibiotika Darmbakterien abtöten, kann dies das Gleichgewicht im gesamten Körper stören.

Patienten mit den langfristigen Symptomen der Lyme-Borreliose neigen dazu, ein gestörtes Darmmikrobiom zu haben, das sich von gesunden Patienten deutlich unterscheidet. Das fand Professor Lewis bereits in früheren Untersuchungen heraus. Daher postulierte er, dass die Breitbandantibiotika wie Doxycyclin oder Amoxicillin die Grundlage für die anhaltenden Symptome bei der sogenannten „chronischen Borreliose“ oder „Borreliose nach der Behandlung“ bilden könnten.

Unter dieser Prämisse begann Lewis nach einer Verbindung zu suchen, die spezifisch auf Borreliella burgdorferi abzielen könnte – das Bakterium, das die akute Lyme-Borreliose verursacht. Vor kurzem hat sein Team genau die richtige Behandlung gefunden.

Die vielversprechende Verbindung war bisher dem Radar von Ärzten und Forschern entgangen. Hygromycin A, ein im Boden vorkommender antimikrobieller Stoff, wurde ursprünglich 1953 entdeckt. Wissenschaftler haben die Substanz damals jedoch als unwirksam abgetan.

„Seitdem hat sich niemand mehr um diese Verbindung gekümmert, weil sie gegen normale Bakterien sehr schwach wirkt“, sagt Lewis. „Was wir entdeckt haben, ist, dass es sehr schwach gegen normale Krankheitserreger wirkt, aber außergewöhnlich stark gegen Spirochäten.“ Borreliella burgdorferi ist eine Art Bakterium, das spiralförmig ist und deshalb als Spirochäte bezeichnet wird. Andere Spirochäten umfassen Krankheitserreger, die Syphilis und die Hautkrankheit Frambösie verursachen.

Lewis’ Team entdeckte die Wirksamkeit von Hygromycin A gegen Spirochäten beim Screening von Bodenmikroorganismen auf antimikrobielle Verbindungen, die eine Wunderwaffe gegen die Spiralbakterien sein könnten.

„Wir haben uns auf die Suche nach einer solchen Verbindung gemacht, die Borreliella burgdorferi selektiv abtötet“, sagt Lewis. Das Team habe gewettet, dass Mutter Natur sich die Mühe gemacht hat, eine Verbindung zu entwickeln, um selektiv im Boden lebende Spirochäten zu entfernen. Damit lagen die Wissenschaftler genau richtig.

Das Team testete Hygromycin A als Behandlung der Lyme-Borreliose in einem Mausmodell und stellte fest, dass es die Krankheit sehr gut klärt.

Das Team von Lewis hat den Wirkstoff bereits an Flightpath, ein Biotech-Unternehmen mit Fokus auf Borreliose, lizenziert, um Entwicklungsstudien durchzuführen und die Produktion dieser Behandlung fortzusetzen.

„Ich hoffe, dass es in der Entwicklung weiter voranschreitet und das erste Therapeutikum zur Behandlung der Borreliose wird“, sagte er. „Es wird sehr wichtig sein zu sehen, ob die Behandlung mit Hygromycin A die Wahrscheinlichkeit einer chronischen Borreliose verringert.“

Das Team von Lewis untersucht auch, ob Hygromycin A in der Lage sein wird, andere durch Spirochäten verursachte Krankheiten wie Syphilis zu behandeln.

Quelle:

Leimer N, Wu X, Imai Y, Morrissette M, Pitt N, Favre-Godal Q, Iinishi A, Jain S, Caboni M, Leus IV, Bonifay V, Niles S, Bargabos R, Ghiglieri M, Corsetti R, Krumpoch M, Fox G, Son S, Klepacki D, Polikanov YS, Freliech CA, McCarthy JE, Edmondson DG, Norris SJ, D’Onofrio A, Hu LT, Zgurskaya HI, Lewis K. A selective antibiotic for Lyme disease. Cell. 2021 Oct 14;184(21):5405-5418.e16. doi: 10.1016/j.cell.2021.09.011. Epub 2021 Oct 6. PMID: 34619078; PMCID: PMC8526400. (https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34619078/)

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Kornelia ist ausgebildete Redakteurin, Buchautorin und freie Texterin. Ihre Erfahrung mit Ess-Störungen hat sie in drei Kochbüchern beschrieben, die alle den Gourmand World Cookbook Awards von Edouard Cointreau gewonnen haben. Ihr Buch Cooking for Happiness hat sogar den Titel ‘Best in the World’ in der Kategorie Innovativ erhalten. Neben Ernährung faszinieren sie vor allem Themen im Bereich Gesundheit. Ihr umfangreiches Wissen in diesen Gebieten stellt sie leicht verständlich dar. Besonders liegt ihr eine ganzheitliche Sicht der menschlichen Existenz im Allgemeinen und Körperfunktionen im Besonderen am Herzen.

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