Neuer Ansatz zur Untersuchung von Autoimmunerkrankungen

Bei Autoimmunerkrankungen nur das Immunsystem zu untersuchen, scheint eine verfehlte Strategie zu sein. Zu diesem Schluss kam ein Team von Wissenschaftlern, das sich mit den Forschungsmethoden bei Autoimmunerkrankungen wie Typ-1-Diabetes, Lupus erythematodes und multiple Sklerose beschäftigte.

Zielgewebe aktiver Mitspieler bei Autoimmunerkrankungen?

Um neue Therapien für Autoimmunerkrankungen zu finden, müssen das Immunsystem und das Zielgewebe der Krankheit gleichzeitig untersucht werden. Zu diesem Schluss kam ein Forscherteam unter der Leitung des wissenschaftlichen Direktors des Diabeteszentrums des Indiana Biosciences Research Institute, Dr. Decio L. Eizirik. Die Studie wurde Anfang Januar 2021 in dem Fachmagazin Science Advances veröffentlicht.

„Wir müssen uns von der gegenwärtigen, nur auf das Immunsystem ausgerichteten Sichtweise von Autoimmunerkrankungen entfernen“, betont Dr. Eizirik. Diese Krankheiten lediglich mit Untersuchungen am Immunsystem verstehen zu wollen und dabei das Zielgewebe zu vergessen, gleiche dem Versuch, „ein Flugzeug mit nur einem Flügel zu fliegen“.

Weltweit sind bis zu 5 Prozent der Bevölkerung von Autoimmunerkrankungen betroffen. Das Immunsystem soll den Menschen vor Infektionskrankheiten oder Tumoren schützen. Bei Autoimmunerkrankungen greift das Immunsystem jedoch fälschlicherweise Bestandteile unseres Körpers an und zerstört diese. Das führt zu Erkrankungen wie Typ-1-Diabetes, systemischen Lupus erythematodes, multiple Sklerose oder rheumatoide Arthritis.

Trotz der hohen Zahl von Autoimmunerkrankungen leidet dieser Typ von Krankheit nach Ansicht der Forscher „unter einer falschen Identität“. Die genannten vier Autoimmunerkrankungen ähneln sich demnach stark. Sie teilen fast die Hälfte der genetischen Risiken, chronischen lokalen Entzündungen und Mechanismen, die zu einer Schädigung des Zielgewebes führen.

Die Forscher kritisieren, dass Autoimmunerkrankungen trotz dieser Gemeinsamkeiten traditionell unabhängig und mit Schwerpunkt auf das Immunsystem untersucht werden. Das Zielgewebe, der eigentliche Angriffspunkt der Krankheit, werde außer acht gelassen.

Mittlerweile mehren sich jedoch die Hinweise darauf, dass die unterschiedlichen Zielgewebe keineswegs unschuldige Zuschauer sind. Stattdessen seien sie aktive Teilnehmer beim Angriff des Immunsystems. Die Wissenschaftler vermuten, dass molekulare Signaturen auf der Ebene des Zielgewebes den Krankheitsverlauf steuern könnten.

Die Charakterisierung der Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen mehreren Autoimmunerkrankungen kann nach Ansicht der Forscher die Art und Weise der Behandlung nachhaltig verändern. Um diese Hypothese zu testen, untersuchte das Forscherteam Genexpressionsdaten von erkranktem Gewebe, das von Patienten mit vier verschiedenen Autoimmunerkrankungen  stammt.

Diese Daten zeigten häufige Veränderungen der Genexpression an den Zielgeweben der Autoimmunerkrankungen an. Bei allen vier Krankheiten spielt nach Auskunft der Wissenschaftler das Gen TYK2 eine Rolle. Dieses Protein ist an der Regulierung von Interferonsignalen beteiligt.

Inhibitoren von TYK2 können beispielsweise Betazellen vor Schäden durch das Immunsystem schützen. Betazellen in den Langerhansschen Inseln der Bauchspeicheldrüse produzieren Insulin. Bei Diabetes-Typ-1 zerstört das Immunsystem diese wichtigen Zellen. Diese Wirkung von TYK1-Inhibitoren belegt nach Ansicht der Forscher den Zusammenhang zwischen Zielgewebe und Immunsystem.

Quelle:

Szymczak, Florian & Colli, Maikel & Mamula, M & Evans-Molina, Carmella & Eizirik, Decio. (2021). Gene expression signatures of target tissues in type 1 diabetes, lupus erythematosus, multiple sclerosis, and rheumatoid arthritis. Science Advances. 7. eabd7600. 10.1126/sciadv.abd7600. (https://www.researchgate.net/publication/348280952_Gene_expression_signatures_of_target_tissues_in_type_1_diabetes_lupus_erythematosus_multiple_sclerosis_and_rheumatoid_arthritis)

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