Mythos: Machen leere Kohlenhydrate doch nicht dick?

Eine groß angelegte Studie stellt gängige Annahmen über einfache Kohlenhydrate in Frage. Bisher dachten Experten, leere Kohlenhydrate mit hohem glykämischen Index wie Zucker und Weißmehlprodukte führen eher zu einer Gewichtszunahme als komplexe Kohlenhydrate. US-amerikanische Wissenschaftler nahmen jetzt die Daten von fast 2 Millionen Erwachsenen unter die Lupe und kamen zu einem anderen Ergebnis. Demnach spielt der glykämische Index beim Zunehmen offensichtlich eine untergeordnete Rolle.

Glykämischer Index offensichtlich überbewertet

Die aktuelle Studie wurde Anfang August in der Zeitschrift Advances in Nutrition veröffentlicht. Dabei konzentrierte sich ein Team von Wissenschaftlern verschiedener US-amerikanischer Universitäten darauf, ob eine Ernährung mit niedrigem oder hohem glykämischen Index Übergewicht und Abnehmen beeinflusst.

Der glykämische Index eines Lebensmittels bestimmt, wie schnell es der Körper verstoffwechselt. Er sagt aus, wie stark ein Nahrungsmittel den Blutzuckerspiegel beeinflusst. Der glykämische Index (GI) wurde 1981 von David Jenkins, Professor an der University of Toronto, eingeführt. Jenkins ordnete einem Lebensmittel eine Zahl von 0 bis 100 zu, um zu messen, wie schnell der Körper Kohlenhydrate abbaut. Das führte zu dem Begriff einfache oder schnelle Kohlenhydrate, da sie den Blutzuckerspiegel rasch ansteigen lassen.

Der GI war jedoch von Anfang an unter Wissenschaftlern umstritten. Dessen ungeachtet hat sich in Expertenkreisen die Ansicht verbreitet, dass einfache Kohlenhydrate mit hohem glykämischen Index eher zu Gewichtszunahme führen als komplexe Kohlenhydrate. Diese sind mit Ballaststoffen verbunden, die ein lang anhaltendes Sättigungsgefühl bewirken und den Blutzuckerspiegel nur langsam ansteigen lassen.

Um die Wirkung des glykämischen Indexes auf das Körpergewicht zu untersuchen, durchsuchten die Wissenschaftler PubMed, die nationale medizinische Bibliothek der USA, und die Cochrane Database of Systematic Reviews nach vorhandenen Beobachtungsstudien und Metaanalysen von randomisierten kontrollierten Studien zu dem Thema, der Goldstandard von wissenschaftlichen Studien. Insgesamt verglichen die Forscher Daten von 43 Kohorten aus 34 Publikationen, die Daten von 1.940.968 Erwachsenen verwendeten.

Nach der Analyse der Daten kamen die Wissenschaftler zu dem Schluss, dass es keine konsistenten Unterschiede im Body-Mass-Index (BMI) zwischen Erwachsenen gab, die mehr einfache Kohlenhydrate zu sich nahmen, und denen, die Lebensmittel mit einem niedrigeren GI bevorzugten.

Die Studienautoren wiesen darauf hin, dass sich die genaue Ernährung der Teilnehmer während der Studien nicht bestimmen ließ. Gleichzeitig betonten sie, dass die Bestimmung exakter GI-Werte schwierig ist. Neben dem Gehalt von Ballaststoffen und der Zusammensetzung der Makronährstoffe spiele auch die Zubereitung der Speisen für die Verstoffwechslung eine Rolle.

In diesem Zusammenhang wiesen sie auf eine Datenbank der University of Sydney hin, die 27 GI-Werte für braunen Reis auflistet. Sie reichen von 48 bis 87 auflistet. Die GI-Werte für weißen Reis umfassten sogar Werte von 17 bis 94.

Die Studienautoren kamen nach der Auswertung der Daten zu dem Schluss, dass die Ansicht „einfache Kohlenhydrate machen dick“ ein Mythos ist. Sie führen an, dass Faktoren wie Alter, Genetik, körperliche Aktivität, Insulinsensitivität und BMI einen größeren Einfluss auf Körpergewicht, Fett und Taillenumfang haben als der GI. Sie stellten auch fest, dass „Diäten mit niedrigem GI im Allgemeinen nicht besser waren als Diäten mit hohem GI, um Körpergewicht oder Körperfett zu reduzieren“.

Quelle:

Gaesser GA, Miller Jones J, Angadi SS. Perspective: Does Glycemic Index Matter for Weight Loss and Obesity Prevention? Examination of the Evidence on „Fast“ Compared with „Slow“ Carbs. Adv Nutr. 2021 Aug 5:nmab093. doi: 10.1093/advances/nmab093. Epub ahead of print. PMID: 34352885. (https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34352885/)

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Kornelia ist ausgebildete Redakteurin, Buchautorin und freie Texterin. Ihre Erfahrung mit Ess-Störungen hat sie in drei Kochbüchern beschrieben, die alle den Gourmand World Cookbook Awards von Edouard Cointreau gewonnen haben. Ihr Buch Cooking for Happiness hat sogar den Titel ‘Best in the World’ in der Kategorie Innovativ erhalten. Neben Ernährung faszinieren sie vor allem Themen im Bereich Gesundheit. Ihr umfangreiches Wissen in diesen Gebieten stellt sie leicht verständlich dar. Besonders liegt ihr eine ganzheitliche Sicht der menschlichen Existenz im Allgemeinen und Körperfunktionen im Besonderen am Herzen.

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