Musik: Die beste Medizin mit hohem Suchtpotenzial

Im Prinzip wirkt Musik im Gehirn wie Kokain, Alkohol oder andere Suchtmittel. Das erklärt, warum viele Leute ständig Musik hören – egal, was sie tun. Der Grund für die süchtig machende Wirkung liegt im Belohnungszentrum des Gehirns. Das ist das Ergebnis einer neuen Studie, die Wissenschaftler der McGill Universität in Montreal veröffentlicht haben.

Freude durch Stimulation im Nucleus accumbens

Menschen lieben Musik, obwohl ihnen Melodien keine offensichtlichen biologischen Vorteile verschaffen. Dieses Rätsel verblüfft Wissenschaftler auf der ganzen Welt seit vielen Jahren. Die gerade im Magazin JNeurosci (the Journal of Neuroscience) erschienene Studie erklärt zum ersten Mal, warum Menschen ‚nutzlose’ Musik so sehr schätzen.

Im Gehirn hat Musik den gleichen Effekt wie eine Droge oder wie Fast Food. Mit funktioneller Magnetresonanztomographie (MRT) und magnetischer Stimulation fanden die kanadischen Wissenschaftler heraus, welche Gehirnregionen durch angenehme Melodien stimuliert werden.

Ergebnis der Ende März veröffentlichten Studie: Aktivierung des Nucleus accumbens, ein kleiner, aber wichtiger Teil des Belohnungszentrums in Gehirn, erzeugt Freude durch Musik und steigert die Motivation. Mit fMRT-Scans entdeckten die Forscher, welche Neuronen durch das Hören von Musik aktiviert werden. Wurden diese Nervenzellen gedämpft, ließ das Vergnügen nach.

Je besser den Studienteilnehmern die Musik gefiel, desto aktiver wurden die Neuronen. Die Nervenzellen im Belohnungspfad synchronisierten dabei ihre Aktivität mit der grauen Substanz im Bereich der Hörzentren. Vereinfacht ausgedrückt: Die Gehirnwellen verschiedener Regionen schwangen im gleichen Takt.

Der Nucleus accumbens produziert den Signalstoff Dopamin, der freudige Gefühle auslöst. Dieser Neurotransmitter stammt aus dem ventralen Striatum – der Region, die für die Entscheidungsfindung verantwortlich ist. Wissenschaftler halten Dopamin für eine Schlüsselsubstanz bei Verhaltensweisen, die auf Vergnügen und Genuss abzielen. Deshalb gilt Dopamin auch als der Botenstoff, der den Suchtdrang einer Person kontrolliert.

Eine Gruppe von 17 Musikfans hörte sich für die Studie eine Reihe von Liedern an, während die Wissenschaftler die Gehirnaktivität mithilfe von funktionellen MRT-Scans (funktionelle Magnetresonanztherapie) maßen. Die Teilnehmer, junge Männer und Frauen in den Zwanzigern, hörten fünf selbst ausgewählte Tracks und zehn Stücke, die ein Forscher bestimmt hatte.

Zuvor wurde der Belohnungskreislauf der Studienteilnehmer indirekt durch transkranielle Magnetstimulation angeregt oder gehemmt. Dabei erzeugen Magnetfelder durch die Schädelkappe hindurch kleine elektrische Ströme im Gehirn.

„Das Erregen des Belohnungskreislaufs vor dem Hören von Musik erhöhte das Vergnügen der Teilnehmer beim Anhören der Songs, während das Hemmen das Vergnügen verringerte“, so der Studienautor Dr. Ernest Mas-Herrero.

Diese Veränderungen beim Hörgenuss ließen sich an der Aktivität des Nucleus accumbens ablesen. Diese kleine Region mitten im Gehirn spielt im Belohnungskreislauf eine zentrale Rolle. Während des Hörens von Musik synchronisieren sich die Gehirnwellen im Nucleus accumbens und in der grauen Substanz der Hörregionen.

Diese Interaktion deutet an, dass beide Gehirnregionen das Vergnügen beim Musikhören beeinflussen. Die Wissenschaftler sehen einen evolutionären Ursprung in dieser Funktionsweise der Musik, die ihrer Ansicht nach durch die Universalität von Melodien belegt wird. Als weiteren Hinweis deuten sie die Fähigkeit von Musik, Emotionen stark zu beeinflussen.

Dr. Mas-Herrero: „Musik kann eine starke Motivationskraft in unserem täglichen Leben sein.“ Demnach wenden Menschen viel Zeit, Geld und Mühe für musikbezogene Aktivitäten auf – vom stundenlangen Schlangestehen bei Regen oder Schnee, um ein Konzertticket zu kaufen, bis hin zu Jahren des Trainings, um ein Instrument zu spielen.

Im Gegensatz zu Alkohol oder anderen Suchtverhalten hat laut Dr. Mas-Herrero das Hören von Musik aber rundum positive Folgen für Zuhörer. Es sei schwierig, davon eine Überdosis zu bekommen.

Frühere Studien haben bereits herausgefunden, dass Musik die Stimmung verbessern und Depressionen abwehren kann. Zudem fördert Musik die Durchblutung auf ähnliche Weise wie Statine und senkt den Spiegel stressbedingter Hormone.

Quelle:

Mas-Herrero E, Dagher A, Farrés-Franch M, Zatorre RJ. Unraveling the temporal dynamics of reward signals in music-induced pleasure with TMS. J Neurosci. 2021 Mar 29:JN-RM-0727-20. doi: 10.1523/JNEUROSCI.0727-20.2020. Epub ahead of print. PMID: 33782048. (https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33782048/)

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Bitte hinterlassen Sie uns Ihre Meinung als Kommentar!
Ihr Name (freiwillig)