Mit guten Bakterien chronische Darmkrankheiten heilen?

Ein gerade veröffentlichter Tierversuch lässt Menschen mit chronisch-entzündlichen Autoimmunerkrankungen wie Colitis ulcerosa hoffen. Geeignete Bakterien können das aus dem Gleichgewicht geratene Mikrobiom von Patienten ergänzen und so ausgleichend auf das Immunsystem wirken. Das ist das Ergebnis einer neuen Studie, die im Wissenschaftsmagazin Nature Communications veröffentlicht wurde.

Zuletzt aktualisiert am 6. August 2021 um 12:18

„Auf die Quelle der Krankheit abzielen“

Die neue Studie gilt als wichtig und sogar bahnbrechend, denn die Studienautoren sind Spezialisten für chronisch-entzündliche Darmerkrankungen. Der leitende Autor der Studie, Prof. Dr. Balfour Sartor, ist Co-Direktor am multidisziplinären Zentrum für Darmkrankheiten der Universität Chapel Hill in North Carolina.

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Er bezeichnet die Ergebnisse der aktuellen Studie als „ermutigend“ für die zukünftige Behandlung von Morbus Crohn und Colitis ulcerosa. Bei beiden chronisch-entzündlichen Darmkrankheiten handelt es sich um Autoimmunerkrankungen.

Dr. Sartor: „Die Idee dieser Behandlung besteht darin, die normale Funktion der schützenden Bakterien im Darm wiederherzustellen.“ Diese Therapie ziele auf die Quelle der chronisch-entzündlichen Autoimmunerkrankungen des Darms ab. Die konventionelle Behandlung von Autoimmunerkrankungen nutzt Immunsuppressiva – Medikamente, die das Immunsystem unterdrücken. Sie können jedoch Nebenwirkungen wie Tumore oder Infektionen verursachen.

Für den Tierversuch verwendeten die Wissenschaftler lebende Bakterienkulturen, sogenannte Bakterienkohorten, mit den Namen GUT-103 und GUT-108. Sie wurden von der Biotech-Firma Gusto Global entwickelt. GUT-103 besteht aus 17 Bakterienstämmen, die zusammenarbeiten, um sich gegenseitig zu schützen und zu ernähren.

GUT-108 ist eine verfeinerte Version von GUT-103, die 11 menschliche Isolate verwendet, die mit den 17 Stämmen verwandt sind. Diese Kombinationen ermöglichen es den Bakterien, über einen längeren Zeitraum im Dickdarm zu bleiben – im Gegensatz zu anderen Probiotika, die nicht im Darm leben können und das System schnell passieren.

Im Rahmen des Tierversuchs wurden GUT-103 und GUT-108 „keimfreien“ Mäusen ohne Darmbakterien 3 Mal pro Woche oral verabreicht. Die Tiere wurden speziell für diese Studie vorbereitet und nur mit bestimmten menschlichen Bakterien behandelt, damit ein humanisiertes Mausmodell entstand.

Die therapeutischen Bakterien sprachen im Darm auch stromaufwärts gerichtete Ziele an, anstatt nur auf ein einzelnes Zytokin abzuzielen. Zytokine sind Botenstoffe, die bei Entzündungen eine wichtige Rolle spielen. Auf diese Weise konnten die Bakterien auch stromabwärts gelegene Entzündungsreaktionen blockieren und bestehende Entzündungen hemmen.

Diese Methode verringerte auch Pathobionten. Das sind Bakterien, die potenziell Schaden anrichten können. Sie sind weder als nützlich, noch als besonders gefährlich einzustufen.

Dagegen förderten GUT-103 und GUT-108 das Wachstum der bereits vorhandenen nützlichen Darmbakterien. Darüber hinaus unterstützten die Darmbakterien die Produktion von heilenden Stoffwechselprodukten. Sie tragen zur Heilung der Darmschleimhaut bei und helfen gleichzeitig, das Immunsystem wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

Aufgrund der robusten Ergebnisse dieser Studie und des Bedarfs an weiteren alternativen Therapien für Morbus Crohn möchte Dr. Sartor GUT-103 und GUT-108 in Zukunft in klinischen Studien am Menschen untersuchen lassen. Er plant, seine Arbeit mit Gusto Global fortzusetzen, um die Verwendungsmöglichkeiten der Bakterienkulturen weiterzuerforschen.

Quelle:

van der Lelie, D., Oka, A., Taghavi, S. et al. Rationally designed bacterial consortia to treat chronic immune-mediated colitis and restore intestinal homeostasis. Nat Commun 12, 3105 (2021). https://doi.org/10.1038/s41467-021-23460-x (https://www.nature.com/articles/s41467-021-23460-x)

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