Kleiner Sprung von Nasennebenhöhlen zum Gehirn

Ein Unglück kommt selten allein. Dieses alte Sprichwort trifft auch auf die Millionen von Menschen zu, die weltweit an chronischer Rhinosinusitis leiden. Sie kämpfen meist nicht nur mit verstopften Nasen und starken Kopfschmerzen. Häufig führt die Entzündung der Nasennebenhöhlen auch zu zusätzlichen Gesundheitsproblemen. Eine neue Studie US-amerikanischer Wissenschaftler zeigt jetzt, dass diese Erkrankung die Leistungsfähigkeit des Gehirns stark beeinträchtigen kann. Depressionen, langsame Reaktionszeiten und Konzentrationsprobleme zählen zu den häufigsten Folgen.

Chronische Sinusitis: Neuronale Netzwerke leiden stark

Besonders betroffen von chronischen Entzündungen der Nasennebenhöhlen sind alle neuronalen Netzwerke, die sich mit der Wahrnehmung, der Reaktion auf externe Reize und der Selbstbeobachtung beschäftigen. „Dies ist die erste Studie, die chronische Nasennebenhöhlenentzündungen mit einer neurobiologischen Veränderung in Verbindung bringt“, betonte Hauptautor Dr. Aria Jafari, Chirurg und Assistenzprofessor für Hals-Nasen-Ohren-Chirurgie an der Schule für Medizin der Universität von Washington.

Nach Auskunft von Dr. Jafari zeigen frühere Studien bereits, dass eine chronische Entzündung der Nasennebenhöhlen die Interaktion von Patienten mit der Umwelt stark erschwert. Demnach schlafen sie schlecht, können nur noch mit Mühe denken und produktiv ihrer Arbeit nachgehen. Das beeinträchtigt die Lebensqualität stark, von der laufenden Nase und den Druckgefühlen im Kopf ganz zu schweigen.

Rund 11 Prozent aller Erwachsenen in den USA leiden unter chronischer Entzündung der Nasennebenhöhlen. Auch hierzulande warnt das deutsche Ärzteblatt, chronische Rhinosinusitis sei weit verbreitet und häufig unterschätzt. Oft zieht sich die Behandlung, typischerweise mit Antibiotika, über mehrere Jahre hinweg.

Wiederholte Entzündungen führen dazu, dass sich das betroffene Gewebe verdickt – ähnlich wie bei schwieliger Haut. Eine Operation kann dieses Problem beheben. Allerdings kann sie nicht verhindern, dass die Symptome erneut auftreten.

Für die Studie filterten die Wissenschaftler Daten aus dem Human Connectome Project heraus. Diese Datenbasis bietet Zugang zu Informationen, die durch fortschrittliche Neuroimaging-Methoden gewonnen wurden. Insgesamt identifizierten die Forscher 1206 gesunde Erwachsenen, die zwischen 22 und 35 Jahren alt waren.

Die Informationen der Scans ermöglichten es ihnen, 22 Personen mit mittelschwerer oder schwerer Nasennebenhöhlenentzündung zu finden sowie eine alters- und geschlechtsangepasste Kontrollgruppe von 22 Personen ohne Nasennebenhöhlenentzündung.

Mit funktionellen MRT-Scans (fMRT) wurden der Blutfluss im Gehirn sowie die Aktivität der Neuronen gemessen.

Dabei traten folgende Unterschiede hervor:

  • Verminderte funktionale Verbindungen im frontoparietalen Netzwerk, einem regionalen Zentrum für Exekutivfunktionen, Aufrechterhaltung der Aufmerksamkeit und Problemlösung
  • Verstärkte funktionale Verbindungen zu zwei Knoten im Default Mode Network, das im Ruhezustand aktiv ist
  • Verminderte funktionale Konnektivität im Salience-Netzwerk, das an der Erkennung und Integration externer Reize, Kommunikation und sozialem Verhalten beteiligt ist

Je stärker die Entzündung war, desto größer waren die Unterschiede in der Gehirnaktivität verglichen mit gesunden Personen.

Trotz der verminderten Leistungsfähigkeit des Gehirns wurde jedoch kein signifikantes Defizit bei den Verhaltens- und kognitiven Tests festgestellt, so Dr. Kristina Simonyan, Mitautorin der Studie. Sie ist außerordentliche Professorin für Hals-Nasen-Ohren-Chirurgie an der Harvard Medical School und Leiterin der Laryngologie-Forschung an der Massachusetts Eye and Ear, ein Krankenhaus in Boston.

Die Teilnehmer mit mittelschwerer und schwerer Nasennebenhöhlenentzündung waren junge Menschen, die keine klinisch signifikanten Anzeichen einer kognitiven Beeinträchtigung erkennen ließen. Ihre Gehirnscans zeigten nach Auskunft von Dr. Simonyan jedoch eine andere Seite.

Demnach sind die subjektiven Gefühle von verminderter Aufmerksamkeit, Konzentrationsschwierigkeiten oder Schlafstörungen bei chronischer Rhinosinusitis mit subtilen Veränderungen in der Kommunikation der Gehirnregionen verbunden, die diese Funktionen steuern. Werde eine chronische Entzündung der Nasennebenhöhlen nicht behandelt, könnten sich diese Symptome verstärken.

Dr. Jafari betrachtet die aktuellen Studienergebnisse als eine Startrampe, um neue Therapien für die Krankheit zu erforschen. Er plädiert dafür, die Effizienz neuer Behandlungsmethoden wie Medikamente und Operationen mit Scans zu testen. Eine weitere Möglichkeit bestehe darin, entzündliche Moleküle oder Biomarker im Blutkreislauf von Patienten zu untersuchen.

Die aktuelle Studie könne zudem helfen, mehr Verständnis für Patienten mit chronischer Entzündung der Nasennebenhöhlen zu schaffen. Die Behandlung soll nach Ansicht der Wissenschaftler in Zukunft nicht nur auf die offenkundigen körperlichen Symptome abzielen, sondern auch die kognitiven Probleme eines Patienten berücksichtigen.

Quelle:

Jafari A, de Lima Xavier L, Bernstein JD, Simonyan K, Bleier BS. Association of Sinonasal Inflammation With Functional Brain Connectivity. JAMA Otolaryngol Head Neck Surg. 2021 Apr 8. doi: 10.1001/jamaoto.2021.0204. Epub ahead of print. PMID: 33830194. (https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33830194/)

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