Immunglobulin G für Schmerzen bei Fibromyalgie verantwortlich?

Bisher gilt Fibromyalgie als eine der Hunderten von Krankheiten des rheumatischen Formenkreises. Lange Zeit rätselten die Wissenschaftler darüber, was zu den starken Schmerzen dieser rätselhaften Krankheit führt. Eine neue Studie zeigt jetzt, dass fehlgeleitete Antikörper der Klasse G die Ursache für Fibromyalgie sein könnten.

Durchbruch: Als Autoimmunerkrankung endlich behandelbar

Die am 1. Juli im Wissenschaftsmagazin The Journal of Clinical Investigation veröffentlichte Studie britischer und schwedischer Forscher beschäftigte sich in einem Tierversuch mit der Wirkung von Antikörpern. Sie belegt, dass viele der Symptome des Fibromyalgiesyndroms (FMS) durch Antikörper verursacht werden. Offensichtlich erhöhen sie die Aktivität schmerzempfindlicher Nerven im ganzen Körper.

Die Ergebnisse zeigen, dass Fibromyalgie eine Erkrankung des Immunsystems ist. Bisherige Erklärungen gingen davon aus, dass Fibromyalgie im Gehirn entsteht. Nach wie vor fällt dabei häufig der Begriff psychosomatisch.

Die aktuelle Studie der Wissenschaftler legt eine andere Ansicht nahe. Demnach sind die für FMS typische erhöhte Schmerzempfindlichkeit, Muskelschwäche, reduzierte Bewegung und reduzierte Anzahl kleiner Nervenfasern in der Haut eine Folge von Antikörpern.

Die Forschung wurde vom Institute of Psychiatry, Psychology & Neuroscience am King’s College in London in Zusammenarbeit mit der University of Liverpool und dem Karolinska Institute in Stockholm geleitet.

Die Forscher injizierten Mäusen die Antikörper von Menschen, die an FMS erkrankt sind. Anschließend beobachteten sie, dass die Mäuse schnell eine erhöhte Empfindlichkeit gegenüber Druck und Kälte entwickelten. Außerdem verringerte sich ihre Griffkraft bei Bewegungen.

Zur Kontrolle wurden Mäuse mit Antikörpern von gesunden Menschen injiziert. Diese zeigten keinerlei Symptome. Das belegt, dass die Antikörper der FMS-Patienten die Krankheit verursachen oder zumindest wesentlich dazu beitragen.

Wurden die Fibromyalgie-Antikörper von den Mäusen entfernt, erholten sich die Tiere nach einigen Wochen wieder. Das gibt Hoffnung, um wirksame Therapien für die bisher rätselhafte Krankheit zu entwickeln. Mit geeigneten Behandlungen könnten die Antikörperspiegel bei Patienten verringert werden. Solche Therapien sind bereits verfügbar und werden bislang zur Behandlung anderer Erkrankungen eingesetzt, die durch Autoantikörper verursacht werden.

Dr. David Andersson, der Hauptforscher der Studie vom King’s College, sagte: „Die Auswirkungen dieser Studie sind tiefgreifend. Die Feststellung, dass Fibromyalgie eine Autoimmunerkrankung ist, wird unsere Sicht auf die Erkrankung verändern und sollte den Weg für wirksamere Behandlungen für Millionen von Betroffenen ebnen. Unsere Arbeit hat ein ganz neues Feld von therapeutischen Möglichkeiten aufgedeckt und sollte Fibromyalgie-Patienten echte Hoffnung geben.“

Laut Dr. Andersson behinderte das begrenzte Verständnis der Krankheit bislang die Erforschung wirksamer Therapien. Dies soll sich nun ändern. Die Behandlung von FMS konzentrierte sich bisher auf sanfte Aerobic-Übungen und medikamentöse Therapien zur Schmerzlinderung. Tatsächlich haben sich diese Maßnahmen bei den meisten Patienten als unwirksam erwiesen und einen enormen klinischen Bedarf hinterlassen, so Dr. Andersson.

Aktuelle Schätzungen gehen davon aus, dass weltweit mindestens 1 von 40 Menschen von FMS betroffen ist. 80 Prozent aller Betroffenen sind Frauen. Großflächige starke Schmerzen im ganzen Körper, Müdigkeit und emotionaler Stress sind die Hauptsymptome von FMS.

Dr. Andreas Goebel, der klinische Prüfer der Studie und Direktor des Schmerzforschungsinstituts der Universität Liverpool, sagte: „Als ich diese Studie in Großbritannien initiierte, erwartete ich, dass einige Fibromyalgie-Fälle möglicherweise autoimmun sind. Aber Davids Team hat bei jedem rekrutierten Patienten schmerzverursachende Antikörper entdeckt. Die Ergebnisse bieten erstaunliche Hoffnung, dass die unsichtbaren, verheerenden Symptome der Fibromyalgie behandelbar werden.“

Professor Camilla Svensson, die Hauptforscherin der Studie vom Karolinska Institute, betonte: „Antikörper von Menschen mit FMS, die in zwei verschiedenen Ländern, Großbritannien und Schweden, leben, lieferten ähnliche Ergebnisse.“

Das verleihe den Ergebnissen der Studie eine enorme Aussagekraft. Der nächste Schritt bestehe nun darin, zu identifizieren, an welche Faktoren die symptomauslösenden Antikörper binden. Dies werde nicht nur bei der Entwicklung neuartiger Behandlungsstrategien für FMS helfen, sondern auch bei blutbasierten Tests zur Diagnose, die heute noch fehlen.

Quelle:

Goebel A, Krock E, Gentry C, Israel MR, Jurczak A, Urbina CM, Sandor K, Vastani N, Maurer M, Cuhadar U, Sensi S, Nomura Y, Menezes J, Baharpoor A, Brieskorn L, Sandström A, Tour J, Kadetoff D, Haglund L, Kosek E, Bevan S, Svensson CI, Andersson DA. Passive transfer of fibromyalgia symptoms from patients to mice. J Clin Invest. 2021 Jul 1;131(13):e144201. doi: 10.1172/JCI144201. PMID: 34196305; PMCID: PMC8245181. (https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34196305/)

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Kornelia ist ausgebildete Redakteurin, Buchautorin und freie Texterin. Ihre Erfahrung mit Ess-Störungen hat sie in drei Kochbüchern beschrieben, die alle den Gourmand World Cookbook Awards von Edouard Cointreau gewonnen haben. Ihr Buch Cooking for Happiness hat sogar den Titel ‘Best in the World’ in der Kategorie Innovativ erhalten. Neben Ernährung faszinieren sie vor allem Themen im Bereich Gesundheit. Ihr umfangreiches Wissen in diesen Gebieten stellt sie leicht verständlich dar. Besonders liegt ihr eine ganzheitliche Sicht der menschlichen Existenz im Allgemeinen und Körperfunktionen im Besonderen am Herzen.

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