Hören Säuglinge mit ASS zu, wenn Mama spricht?

„Babytalk“ ist nicht nur niedliches Kauderwelsch. Es ist eine angeborene Form der frühen Kommunikation und Bindung. Aber Säuglinge und Kleinkinder mit Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) können diese Kommunikation häufig nicht erfassen. Das ist das Ergebnis einer neuen Studie US-amerikanischer Forscher, die gerade im Fachmagazin Nature Human Behaviour veröffentlicht wurde.

Neu entdeckte Untergruppe von Autismus

Motherese oder Babytalk ist eine Form von vereinfachter, übertrieben melodischer Sprache. Eltern verwenden diese Sprachform unwillkürlich, um mit Neugeborenen und Kleinkindern zu kommunizieren. Ein Pferd wird zum Pferdchen; ein Hund wird Hündchen; Eltern werden Mama und Papa. Die Tendenz, mit den lieben Kleinen in kurzen Sing-Song-Phrasen zu sprechen, ist in allen Kulturen universell und damit eine angeborene Eigenschaft.

Frühere Forschungen haben bereits gezeigt, dass Säuglinge diese Art der Muttersprache bevorzugen. Im Gegensatz zum sprachlichen Ausdruck von Erwachsenen ist Babytalk als kindgerechte Sprache bekannt. Die Eltern können damit die Aufmerksamkeit wirksam fesseln. Motherese ist damit auch ein wichtiger Bestandteil der emotionalen Bindung und fördert Lernerfahrungen zwischen Kind und Eltern.

Babygespräche zwischen Eltern und Kind sind also eine angeborene Form der frühen Kommunikation und Verbindung. Aber bei Säuglingen und Kleinkindern mit ASS deuten Untersuchungen darauf hin, dass ihr Gehirn die Botschaft möglicherweise nicht versteht.

Ein frühes Anzeichen von Autismus bei Kindern ist eine verminderte Reaktion auf mütterliche Sprache. Ganz allgemein gilt, dass ihre Aufmerksamkeit für soziale Informationen nur sehr begrenzt ist.

Das ist das Ergebnis einer neuen Studie, die am 3. Januar 2022 in der Zeitschrift Nature Human Behavior veröffentlicht wurde. Bei den Untersuchungen setzten Forscher der School of Medicine an der University of California in San Diego eine Reihe von Techniken ein, um die Regionen des Gehirns zu bestimmen, die für die Reaktion eines Kindes auf Babysprache verantwortlich sind.

Studienautor Dr. Eric Courchesne, Professor für Neurowissenschaften an der School of Medicine in San Diego wies darauf hin, dass diese neue Studie die modernste Bildgebung des Gehirns, Eye-Tracking, und klinische Tests kombiniert. Damit öffne sie die Tür zur Präzisionsmedizin bei Autismus.

Laut Dr. Courchesne liefert dieser Ansatz neue Erkenntnisse darüber, wie sich das Gehirn bei Kindern mit Autismus entwickelt, und zwar in Bezug auf objektive Informationen über soziale Präferenzen und soziale Aufmerksamkeit. „Zum ersten Mal sehen wir, was die möglichen Auswirkungen auf das Gehirn von Kindern mit Autismus sind, die soziale Informationen nicht beachten“, sagte er.

Typischerweise ziehen Säuglinge in der Entwicklung Motherese anderen Formen der Erwachsenensprache vor. Frühere Studien haben bereits gezeigt, dass ihr Gehirn Babytalk anders verarbeiten kann als Nicht-Sprachlaute. Es ist jedoch nur spärlich erforscht, wie und warum Säuglinge mit ASS nicht konsequent auf mütterliche Sprache reagieren und welche langfristigen Folgen es haben könnte, wenn sie abschalten.

Dr. Courchesne stellte zusammen mit Kollegen am Autism Center of Excellence der UC San Diego die Hypothese auf, dass ASS-Säuglinge und -Kleinkinder bei der Gehirnentwicklung stark beeinträchtigt sind. Demnach können sie normale angeborene neuronale Mechanismen kaum ausbilden, die auf Motherese reagieren. Um diese Hypothese zu untersuchen, führten die Wissenschaftler eine Reihe von Tests mit 200 Datensätzen von 71 Kleinkindern und 41 Datensätzen von 14 Erwachsenen durch:

Mithilfe der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) von schlafenden Kleinkindern maßen sie die Gehirnaktivität von Müttern und bei Babytalk anderen Formen der sozial-affektiven Sprache. Anschließend führten sie klinische Bewertungen der sozialen und sprachlichen Entwicklung durch.

Zusätzlich sie nutzten Eye-Tracking-Technologie, um die Reaktionen der Kinder auf Mütter, die Motherese sprechen, zu messen und mit Computergeräuschen und -bildern ohne Sprache vergleichen zu können.

Frühere Untersuchungen an der UC San Diego und anderswo haben bereits gezeigt, dass Kleinkinder mit ASS weniger Interesse an sozialen Aktivitäten und Reizen zeigen, die normalerweise die Aufmerksamkeit eines kleinen Kindes auf sich ziehen würden. Dazu zählen beispielsweise Spielen, Singen oder Tanzen.

Die Forscher fanden heraus, dass individuelle Unterschiede in der sozialen und sprachlichen Entwicklung im frühen Alter mit den neuronalen Reaktionen eines Kindes auf Sprache in Zusammenhang stehen. ASS-Säuglinge und -Kleinkinder mit den schlechtesten neuronalen Reaktionen auf Motherese hatten auch die schwersten sozialen Symptome, die schlechtesten Sprachergebnisse und die größte Beeinträchtigung von Verhaltenspräferenz und Aufmerksamkeit gegenüber Müttern.

Umgekehrt zeigten Säuglinge und Kleinkinder mit typischer Entwicklung die stärksten neuronalen Reaktionen und Affinität zu Motherese.

Mit einer computergestützten Präzisionsmedizinmethode zur Integration von Daten namens Ähnlichkeitsnetzwerkfusion korrelierten die Wissenschaftler Augenmuster mit neuronalen und Verhaltensreaktionen, was ihre Ergebnisse weiter bestätigte.

Die Forscher stellten fest, dass dabei vor allem der obere temporale Kortex betroffen ist. Diese Region des Gehirns verarbeitet Geräusche und Sprache. Bei ASS-Kindern mit den schlechtesten sozialen Fähigkeiten und der geringsten Aufmerksamkeit beim Eye-Tracking auf Motherese, zeigte der obere temporale Kortex schwache Reaktionen auf Babytalk und emotionale Sprache.

Das Gegenteil war bei Kindern mit typischer Entwicklung der Fall, die eine viel stärkere temporale neuronale Reaktion auf mütterliche und emotionale Sprache zeigten. Eine kleine Anzahl von Kleinkindern mit ASS zeigte jedoch eine starke Gehirnaktivierung und Interesse an mütterlicher Sprache, wie durch Eye-Tracking festgestellt wurde.

„Unsere Schlussfolgerung ist, dass mangelnde verhaltensmäßige Aufmerksamkeit für die mütterliche Sprache bei ASS eine beeinträchtigte Entwicklung der angeborenen temporalen kortikalen Neuralsysteme mit sich bringt“, sagte Dr. Karen Pierce, Coautorin der Studie und Professorin für Neurowissenschaften an der School of Medicine und Co-Direktorin des Autism Center of Excellence mit Dr. Courchesne.

Normalerweise würden diese Kleinkinder automatisch auf die emotionale Sprache der Eltern reagieren. Dr. Pierce: „Die Tatsache, dass einige Kinder mit Autismus eine starke Gehirnaktivierung und eine gute Aufmerksamkeit für die mütterliche Sprache zeigten, ist aus zwei Gründen ermutigend.“

Erstens handele es sich bei diesen speziellen Kleinkindern mit Autismus um eine neu entdeckte und wichtige Untergruppe. Im späteren Leben würden diese Kinder vermutlich gute Erfolge erzielen. Zweitens schlage diese Entdeckung einen neuen Weg für die Behandlung vor.

Die Autoren sagten, dass ihre Ergebnisse, die auf datengestützten, empirischen Beweisen basieren, bei der Entwicklung weiterer diagnostischer Instrumente und Biomarker zur Früherkennung von ASS nützlich sein könnten. In Zukunft gelte es weiter zu klären, wie ASS Kleinkinder auf vielfältige und dramatische Weise beeinflusst.

Quelle:

Xiao, Y., Wen, T.H., Kupis, L. et al. Neural responses to affective speech, including motherese, map onto clinical and social eye tracking profiles in toddlers with ASD. Nat Hum Behav (2022). https://doi.org/10.1038/s41562-021-01237-y (https://www.nature.com/articles/s41562-021-01237-y)

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Kornelia ist ausgebildete Redakteurin, Buchautorin und freie Texterin. Ihre Erfahrung mit Ess-Störungen hat sie in drei Kochbüchern beschrieben, die alle den Gourmand World Cookbook Awards von Edouard Cointreau gewonnen haben. Ihr Buch Cooking for Happiness hat sogar den Titel ‘Best in the World’ in der Kategorie Innovativ erhalten. Neben Ernährung faszinieren sie vor allem Themen im Bereich Gesundheit. Ihr umfangreiches Wissen in diesen Gebieten stellt sie leicht verständlich dar. Besonders liegt ihr eine ganzheitliche Sicht der menschlichen Existenz im Allgemeinen und Körperfunktionen im Besonderen am Herzen.

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