Gestörtes Essverhalten beginnt früh bei Jungen und Mädchen

In jungen Jahren ist gestörtes Essverhalten bei Jungen genauso wahrscheinlich wie bei Mädchen. Das ist das Ergebnis einer groß angelegten Studie von US-amerikanischen Wissenschaftlern. Demnach lassen sich die Vorläufer von Ess-Störungen bereits bei Kindern unter 12 Jahren beobachten. Interessanterweise sind dabei Jungen und Mädchen gleichermaßen betroffen – im Gegensatz zu Ess-Störungen, die zu einem Krankenhausaufenthalt führen. Das kommt weit häufiger bei weiblichen Patienten vor.

Zuletzt aktualisiert am 23. November 2022 um 14:20

Höheres Risiko in der Pubertät und bei hohem BMI

Die Wissenschaftler beziffern die Kosten von Ess-Störungen in den USA mit etwa 65 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen gibt an, dass etwa jeder fünfte Jugendliche in Deutschland betroffen ist – wobei der Anteil der weiblichen Teenager weit höher ist als die Zahl der männlichen. Aufgrund der Pandemie haben Ess-Störungen weltweit stark zugenommen.

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Bisher liegen kaum Daten über Ess-Störungen bei Kindern unter 12 Jahren vor. Deshalb untersuchten die Wissenschaftler für die aktuelle Studie fast 12.000 9- und 10-Jährige auf Hinweise, die ein gestörtes Essverhalten in dieser Altersgruppe andeuten.

Daten von 11.878 Kindern analysiert

Dafür ermittelten die Forscher Alter, Geschlecht, Gewicht und Stadium der Pubertät sowie gestörtes Essverhalten und kompensatorischen Handlungen, die damit zusammenhängen, etwa Binge-Eating (Fressanfälle) oder Erbrechen, um Gewicht zu verlieren.

Für die in der Fachzeitschrift JAMA Pediatrics erschienene Studie verwendete das Forscherteam Daten von 11.878 Kindern im Alter von 9 bis 10 Jahren. Sie wurden zwischen 2016 und 2018 im Rahmen der Adolescent Brain Cognitive Development Study (Studie zur kognitiven Entwicklung des Gehirns von Jugendlichen) gesammelt, die das US-amerikanische National Institute of Health finanzierte.

Der Begriff Essstörung beschreibt nach Auskunft der Studienautoren eine Reihe von unregelmäßigen Essgewohnheiten und Verhaltensweisen. Essstörungen wie Anorexia nervosa oder Bulimia nervosa werden nach einem strengen Kriterienkatalog diagnostiziert, der von der American Psychiatric Association festgelegt wurde. Gestörtes Essverhalten alleine wird noch nicht als mentale Krankheit gewertet.

Auffällige Verhaltensweisen untersucht

Die Academy of Nutrition and Dietetics listet die Symptome von gestörtem Essverhalten auf, darunter:

  • häufige Diäten, Angstzustände im Zusammenhang mit bestimmten Nahrungsmitteln oder das Auslassen von Mahlzeiten
  • chronische Gewichtsveränderungen
  • Schuld- und Schamgefühle im Zusammenhang mit dem Essen
  • Beschäftigung mit Essen, Gewicht und Körperbild, die sich negativ auf die Lebensqualität auswirken
  • ein Gefühl des Kontrollverlusts in Bezug auf das Essen, einschließlich zwanghaftem Essen
  • Bewegung, Nahrungsrestriktion, Fasten oder Entschlackung, um „schlechtes Essen auszugleichen“

Für die aktuelle Studie untersuchten die Forscher Binge Eating (Fressattacken), Erbrechen zur Gewichtskontrolle und andere Verhaltensweisen – wie Sport oder Kalorieneinschränkung –, die eine Gewichtszunahme verhindern sollen.

Fünf Prozent der Kinder in der Studie hatten Fressanfälle, während 2,5 Prozent bereits Maßnahmen ergriffen hatten, um eine Gewichtszunahme zu vermeiden.

Klischee benachteiligt Jungen

Die Forscher fanden heraus, dass Jungen und Mädchen mit gleicher Wahrscheinlichkeit Anzeichen von Essstörungen zeigten. Das stimmt nicht mit der gängigen Annahme überein, dass überwiegend Mädchen von Essstörungen betroffen sind. Das Risiko ist demnach für Jungen ähnlich groß wie für Mädchen. Die Analyse ergab auch, dass Kinder mit höheren Body-Mass-Indizes (BMIs) und pubertierende Heranwachsende einem höheren Risiko ausgesetzt sind.

Der Hauptautor der Studie, Dr. Stuart Murray, außerordentlicher Professor für Psychiatrie und Verhaltenswissenschaften an der Keck School of Medicine der University of Southern California in Los Angeles, betonte: „Es ist wichtig, dass sich Eltern und Erziehungsberechtigte bewusst sind, dass Essstörungen sowohl Jungen als auch Mädchen betreffen können. Eltern und Gesundheitsdienstleister folgen oft dem Klischee, dass Essstörungen nicht auf Jungen zutreffen.“

Essattacken und Erbrechen häufig

Dieses Stigma könne es Jungen noch schwerer machen, über ihre Symptome und die Gefühle über ihren Körper zu sprechen. Daher sei es für Eltern entscheidend, auch bei Jungen auf die Anzeichen von beobachtbaren Essstörungen zu achten.

Die Forscher gaben an, dass Kinder mit höheren BMIs mit größerer Wahrscheinlichkeit alle in dieser Studie untersuchten Essstörungen zeigten: Essattacken, Erbrechen und andere Maßnahmen zur Vermeidung einer Gewichtszunahme.

Risikofaktor frühe Pubertät

Dr. Murray fügte hinzu, dass die Daten darauf hindeuten, dass Kinder – sowohl Jungen als auch Mädchen – die früher als ihre Altersgenossen in die Pubertät kommen, möglicherweise besonders anfällig für gestörtes Essverhalten sind.

Dr. Murray: „Die frühe Entwicklung und das damit verbundene körperliche Wachstum können auf das Gefühl hindeuten, ‚größer zu sein‘ als Gleichaltrige, was wiederum zu einem gestörten Essverhalten führen kann. Eltern sollten daher bei Kindern mit höheren BMIs besonders auf mögliche Essstörungen achten.

Ess-Störungen kein Grund für Übergewicht

Die Forscher kamen nicht zu dem Schluss, dass Essstörungen Fettleibigkeit verursachen. Aber bestimmte Aspekte von Essstörungen, wie Binge Eating, sind mit Gewichtszunahme verbunden.

Allerdings trifft diese Studie auch auf Kritik, weil sie sich in erster Linie auf die Berichte der Eltern stützte.  Zweitens gibt es insgesamt eine relativ geringe Prävalenz von gestörtem Essverhalten. Deshalb ist es vermutlich nicht möglich, aussagekräftige Erkenntnisse aus dieser Forschung zu gewinnen. In zukünftigen Studien kann eine größere Stichprobengröße erforderlich sein.

Prävention bei Jungen und Mädchen verbessern

Die Ergebnisse der Studie könnten dazu beitragen, die Prävention von Essstörungen zu verbessern, indem sie hervorheben, wer am stärksten gefährdet ist. Vermehrtes Screening kann die Prävention verbessern.

Zum Beispiel können Kinderärzte und Mittelschulen entscheiden, die Überwachung von Kindern mit hohen BMI und Kindern, die vor ihren Altersgenossen mit der Pubertät beginnen, zu verstärken.

Quelle:

Murray SB, Blashill AJ, Calzo JP. Prevalence of Disordered Eating and Associations With Sex, Pubertal Maturation, and Weight in Children in the US. JAMA Pediatr. 2022 Aug 1:e222490. doi: 10.1001/jamapediatrics.2022.2490. Epub ahead of print. PMID: 35913732; PMCID: PMC9344382. (https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/35913732/)

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Kornelia ist ausgebildete Redakteurin, Buchautorin und freie Texterin. Ihre Erfahrung mit Ess-Störungen hat sie in drei Kochbüchern beschrieben, die alle den Gourmand World Cookbook Awards von Edouard Cointreau gewonnen haben. Ihr Buch Cooking for Happiness hat sogar den Titel ‘Best in the World’ in der Kategorie Innovativ erhalten. Neben Ernährung faszinieren sie vor allem Themen im Bereich Gesundheit. Ihr umfangreiches Wissen in diesen Gebieten stellt sie leicht verständlich dar. Besonders liegt ihr eine ganzheitliche Sicht der menschlichen Existenz im Allgemeinen und Körperfunktionen im Besonderen am Herzen.

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