Ernährungsrichtlinien für Schwangere unzureichend

Schwangere Frauen spielen bei Studien über Ernährung kaum eine Rolle. Das ist das Ergebnis einer neuen Metastudie US-amerikanischer Wissenschaftler. Deshalb halten sie die geltenden Referenzwerte für Ernährung in den USA und Kanada für unzureichend. Nur 17 Prozent aller Studien über Nährstoffe berücksichtigen demnach die Bedürfnisse von Schwangeren.

Forschung (fast) ohne Frauen und Minderheiten

Die Autoren einer neuen Studienübersicht kommen zu dem Schluss, dass Schwangere in der wissenschaftlichen Forschung über Ernährung stark unterrepräsentiert sind. In der Vergangenheit wurden Frauen und Schwangere in einem Großteil der wissenschaftlichen Forschung ausgeklammert. Die heutigen Empfehlungen für gesunde Ernährung können deshalb auf schwangere Frauen kaum angewandt werden. Eine möglichst rasche Beseitigung dieser Datenlücke könnte nach Ansicht der Studienautoren die Erkenntnisse im Bereich der Ernährung stark verbessern.

„Es ist nicht richtig zu glauben, dass der Ausschluss von Menschen von der Forschung sie schützt“, sagte Dr. Emily R. Smith, leitende Studienautorin und Assistenzprofessorin in den Abteilungen für globale Gesundheit und Bewegungs- und Ernährungswissenschaften der George Washington University. Das bedeute, sie von wichtigen Informationen auszuschließen, die helfen könnten, eine positive Schwangerschaft zu erleben.

Die aktuelle Studie basiert auf Smiths Hintergrund. Die Wissenschaftlerin hatte sich zuvor ausgiebig mit der Erforschung der Mikronährstoff-Supplementierung für schwangere Frauen befasst. Dabei hatte sie untersucht, welche und in welchen Mengen pränatale Vitamine empfohlen werden sollten, um die Gesundheit von Müttern und Babys zu verbessern.

In ihrer Forschung fand sie heraus, dass Frauen trotz der Einnahme dieser pränatalen Vitamine manchmal am Ende der Schwangerschaft einen Mangel aufwiesen. Dr. Smith räumt ein, dass eine Reihe von Faktoren die Biomarker für Nährstoffe in der Schwangerschaft beeinflussen können. Dennoch zweifelt sie stark daran, dass die empfohlenen Dosierungen wirklich dem Bedarf entsprechen.

Um die Frage der täglich benötigten Mengen zu klären, analysierten Smith und ihr Team 704 Studien und untersuchten dabei Informationen zu 23 Mikronährstoffen.

Sie fanden heraus, dass 23 Prozent aller Untersuchungen nur männliche Teilnehmer umfassten. In den Arbeiten mit weiblichen Teilnehmern waren diese noch immer unterrepräsentiert. Nur 29 Prozent aller Studienteilnehmer waren weiblich.  Besonders bedenklich: Die technisch am weitesten fortgeschrittenen Ernährungsstudien hatten die geringsten weiblichen Teilnehmer. Von allen Nährstoffstudien schlossen nur 17 Prozent schwangere oder stillende Frauen ein.

Laut Dr. Smith gibt es die allgemeine Idee in Kreisen von Wissenschaftlern, dass schwangere Frauen als gefährdete Bevölkerungsgruppe eingestuft werden. Deshalb würden sie bei Studien kaum berücksichtigt: „Zum Beispiel machen sich einige Forscher möglicherweise Sorgen über Risiken für den Fötus.“

Allerdings hält Dr. Smith diese Einstellung für gefährlich. Wenn ein bestimmter Personenkreis aus Studien ausgeschlossen wird, bekommen sie auch keine Richtlinien oder Behandlungen, die ihre speziellen Bedürfnisse berücksichtigen. Smith: „Schwangere sollten eher durch Forschung als vor der Forschung geschützt werden.“

Die Wissenschaftler fanden auch heraus, dass weniger als 10 Prozent der analysierten Studien die Rasse oder ethnische Zugehörigkeit eines Teilnehmers überhaupt feststellten. Das hat eine Datenlücke über Minderheiten zur Folge. Es sei kaum möglich, zu wissen, ob diese Bevölkerungsgruppen gerecht, unterrepräsentiert oder überrepräsentiert sind.

Diese Studie lässt wichtige Schlussfolgerungen zu: Die bestehenden wissenschaftlichen Erkenntnisse über den Bedarf an essenziellen Nährstoffen beim Menschen im Allgemeinen sind wahrscheinlich unvollständig und können nicht verallgemeinert werden.

Dies gilt insbesondere für die kritischen Lebensphasen Schwangerschaft und Stillzeit. In dieser Zeit wird die Grundlage für die Gesundheit der nächsten Generation gelegt und die Versorgung mit Nährstoffen ist deshalb besonders wichtig. Dieses Problem wird verschärft, wenn die Forscher weder Rasse, Geografie oder Hintergrund berücksichtigen.

Quelle:

Smith ER, He S, Klatt KC, Barberio MD, Rahnavard A, Azad N, Brandt C, Harker B, Hogan E, Kucherlapaty P, Moradian D, Gernand AD, Ahmadzia HK. Limited data exist to inform our basic understanding of micronutrient requirements in pregnancy. Sci Adv. 2021 Oct 22;7(43):eabj8016. doi: 10.1126/sciadv.abj8016. Epub 2021 Oct 22. PMID: 34678054; PMCID: PMC8535830. (https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC8535830/)

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