Entzündungen als verdeckte Ursache von Depressionen?

Je stärker der Körper mit Entzündungen kämpft, desto höher ist das Risiko für Depressionen. Das zeigt die bislang größte Studie dieser Art, für die Daten von 85.895 Personen in Großbritannien analysiert wurden. Als Biomarker wurden die CRP-Werte genommen. CRP steht für hochreaktives Protein. Die Erkenntnisse dieser neuen Studie eröffnen neue Wege für die Behandlung von Depressionen.

CRP-Werte bei Depressionen oft stark erhöht

„Unsere Studie liefert den bislang schlüssigsten Beweis dafür, dass Menschen mit Depressionen Proteine ​​im Blut haben, die auf eine Aktivierung des Entzündungssystems hinweisen“, sagt die Psychologin Maria Pitharouli vom King’s College London in Großbritannien. Die dort verfasste Studie wurde am 14. Mai im renommierten Wissenschaftsmagazin ‚The American Journal of Psychiatry‘ veröffentlicht.

Blutproben, genetische Daten und Fragebögen zur körperlichen und geistigen Gesundheit wurden für diese Studie ausgewertet. Sie wurden im Rahmen des britischen Biobank-Projekts gesammelt. Dabei handelt es sich um eine Langzeitstudie, die im Jahr 2006 startete. Sie untersucht, wie genetische Veranlagung und Umweltfaktoren zu Krankheiten beitragen.

Anhand der präzisen Daten konnten die Forscher zahlreiche Faktoren bei den Ergebnissen berücksichtigen, unter anderem Alter, Geschlecht, Body-Mass-Index (BMI), Rauchen, Alkoholkonsum, Belastung durch Trauma und sozioökonomischer Status.

Diese Faktoren erklären nach Ansicht der Wissenschaftler vom King’s College in London den Zusammenhang zwischen Entzündung und Depression nur teilweise. Demnach reichen die Beweise nicht aus, um zu zeigen, dass Entzündungen die direkte Ursache für Depressionen sind. Allerdings deuten die Ergebnisse darauf hin, dass eine direkte biologische Verbindung besteht.

Entzündung ist eine der wichtigsten Abwehrmechanismen des Immunsystems gegen Angriffe aller Art. Geraten Entzündungsherde im Körper jedoch außer Kontrolle, können sie viel Schaden anrichten.

Um den Grad der Entzündung zu beurteilen, nutzte das Team der Wissenschaftler den Biomarker C-reaktives Protein (CRP) im Blut. Bei 31 Prozent aller Menschen mit Depressionen wurde CRP in erhöhten Konzentrationen gefunden.

Die Forscher berechneten im Rahmen der Studie auch einen genetischen Risikowert für die Studienteilnehmer. Er beschreibt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mensch aufgrund seiner Genetik Depressionen entwickelt. Bei Personen mit Depressionen war dieser Risikowert stark mit dem CRP-Spiegel verbunden.

Je höher die genetische Belastung für Depressionen sei, desto höher sei auch der CRP-Wert. Rauchen und Übergewicht verstärkt diese genetische Prädisposition.

Diese Verbindung zwischen CRP-Wert und Depressionen ähnelt in ihrer Stärke dem Zusammenhang zwischen Entzündung und drei Autoimmunerkrankungen: biliäre Zirrhose, Morbus Crohn und rheumatoide Arthritis.

„Unsere Studie zeigt, wie die Genetik als Instrument zur Analyse von psychischen Störungen eingesetzt werden kann“, sagt die genetische Epidemiologin Cathryn Lewis vom King’s College London.

Man habe gezeigt, dass der genetische Beitrag zur Entzündung bei Depressionen hauptsächlich auf Ess- und Rauchgewohnheiten zurückzuführen sei. Diese Erkenntnis sei wichtig, um Depressionen besser zu verstehen – und ein weiterer Teil des Puzzles, das sich mit der Behandlung von Depressionen beschäftigt.

Die nächste Stufe für die Forscher besteht darin, den direkten Zusammenhang zwischen Entzündung und Depression aufzudecken. Bislang wissen sie, dass „unbekannte oder nicht gemessene psychosoziale und klinische Störfaktoren“ die aktuellen Ergebnisse ebenfalls erklären könnten. Als Beispiele nannte Lewis Babys, die Depressionen der Mütter während der Entwicklung im Mutterleib belasteten. Ungesunde Ernährung könne ebenfalls ein Störfaktor sein.

Nach wie vor rätseln Wissenschaftler, was genau Entzündungen und Depressionen verbindet. Allerdings liefert diese neue Studie eine Fülle von Daten, mit denen Wissenschaftler in Zukunft weitere Forschungen betreiben können.

Doch gibt es bereits kritische Stimmen. Der Genetiker David Curtis vom University College London, der nicht an der Studie beteiligt war, bezweifelt, dass Entzündungen letztendlich eine Schlüsselrolle bei Depressionen spielen.

Nichts deute darauf hin, dass Menschen ihre Depression mit entzündungshemmenden Medikamenten behandeln könnten. Antidepressiva sind nach Ansicht von Curtis wirksam und sicher. Entzündungshemmende Medikamente würden in den USA jedes Jahr viele tausend Todesfälle verursachen.

Quelle:

Pitharouli MC, Hagenaars SP, Glanville KP, Coleman JRI, Hotopf M, Lewis CM, Pariante CM. Elevated C-Reactive Protein in Patients With Depression, Independent of Genetic, Health, and Psychosocial Factors: Results From the UK Biobank. Am J Psychiatry. 2021 May 14:appiajp202020060947. doi: 10.1176/appi.ajp.2020.20060947. Epub ahead of print. PMID: 33985349. (https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33985349/)

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Bitte hinterlassen Sie uns Ihre Meinung als Kommentar!
Ihr Name (freiwillig)