Bestimmen unsere Gene, was wir essen?

Gene haben nicht nur maßgebenden Einfluss auf unsere Gesundheit. Sie können offensichtlich auch bestimmen, was wir gerne essen. Das ist das Ergebnis einer groß angelegten Studie von US-amerikanischen Wissenschaftlern. Die Erkenntnisse könnten den Weg zu einer personalisierten Ernährungsberatung ebnen, die auf der individuellen Geschmackswahrnehmung basiert.

Zuletzt aktualisiert am 11. August 2022 um 17:12

Untersuchung mit über 6.000 Teilnehmern

An der neuen Studie von Wissenschaftlern des Cardiovascular Nutrition Lab am Jean Mayer USDA Human Nutrition Research Center on Aging an der Tufts University in Boston nahmen mehr als 6.000 Erwachsene teil. Die vorläufigen Ergebnisse belegen, dass geschmacksbezogene Gene eine Rolle bei der Auswahl von Lebensmitteln spielen. Das wiederum könnte die Gesundheit des Herz-Kreislauf-Systems beeinflussen.

Die neue Studie ist eine der ersten Untersuchungen, die sich mit diesem Thema beschäftigt. Bei ihrer Forschung berücksichtigten die Wissenschaftler die Genetik, die an die Wahrnehmung aller 5 Geschmacksrichtungen – süß, salzig, sauer, bitter und umami (herzhaft) – gebunden ist. Zudem untersuchten sie, wie diese genetischen Faktoren mit dem Verzehr von Lebensmittelgruppen und kardiometabolischen Risikofaktoren zusammenhängen.

Genetische Faktoren Basis für individuelle Ernährungsberatung

Die Ergebnisse legen nahe, dass die Berücksichtigung der Gene für die Geschmackswahrnehmung eine wichtige Rolle bei der Behandlung spielen kann. Genetische Faktoren könnten die Basis für die Entwicklung einer personalisierten Ernährungsberatung bilden. Damit könne die Ernährungsqualität nachhaltig verbessert werden mit dem Ziel, das Risiko für ernährungsbedingte chronische Krankheiten wie Fettleibigkeit, Typ-2-Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu verringern.

„Wir wissen, dass der Geschmack einer der grundlegenden Faktoren für unsere Ernährung und damit für die Qualität unserer bevorzugten Lebensmittel ist“, sagte Julie E. Gervis, Doktorandin im Labor für kardiovaskuläre Ernährung an der Tufts University. „Die Berücksichtigung der Geschmackswahrnehmung könnte dazu beitragen, die personalisierte Ernährungsberatung effektiver zu machen, indem die Ursachen für eine schlechte Lebensmittelauswahl identifiziert und den Menschen geholfen wird, zu lernen, wie sie ihren Einfluss minimieren können.“

Manche Menschen mögen bitteren Geschmack nicht

Zum Beispiel neigen Menschen mit einer stark bitteren Geschmackswahrnehmung dazu, weniger Kreuzblütengemüse wie Kohl und Brokkoli  zu essen. Für sie könnte die Empfehlung lauten, andere Gemüsesorten zu wählen, die besser zu ihrem Geschmackswahrnehmungsprofil passen. „Die meisten Menschen wissen wahrscheinlich nicht, warum sie bestimmte Lebensmittel auswählen“, sagte Gervis. „Dieser Ansatz könnte ihnen eine Anleitung geben, die es ihnen ermöglichen würde, mehr Kontrolle zu erlangen.“

Obwohl frühere Studien genetische Faktoren im Zusammenhang mit einzelnen Geschmacksrichtungen bei bestimmten Personengruppen untersucht haben, ist diese neue Studie einzigartig. Als erste untersuchte sie  alle 5 grundlegenden Geschmacksrichtungen bei einer breiten Stichprobe von US-Erwachsenen untersuchte. Es ist auch die erste Untersuchung, die sich mit den Folgen von genetischen Varianten bei der Geschmackswahrnehmung befasst. Dazu zählen neben der Vorliebe für bestimmte Lebensmittelgruppen auch kardiometabolische Risikofaktoren.

Neues Maß polygoner Geschmackswert

Für ihre Untersuchungen verwendeten die Forscher Daten aus früheren genomweiten Assoziationsstudien. Damit identifizierten sie die genetischen Varianten, die mit jeder der 5 Grundgeschmacksrichtungen verbunden sind. Sie nutzten diese Informationen, um ein neues Maß zu entwickeln, das sie als „polygener Geschmackswert“ bezeichneten.

Dabei handelt es sich um eine einzigartige Schätzung der kumulativen Wirkung vieler genetischer Varianten auf die Wahrnehmung für einen bestimmten Geschmack. Ein höherer polygener Geschmackswert für Bitter bedeutet zum Beispiel, dass eine Person eine höhere genetische Veranlagung hat, Bittergeschmack wahrzunehmen.

Süß wichtig für kardiometabolische Gesundheit

Die Forscher analysierten dann die polygenen Geschmackswerte, die Ernährungsqualität und die kardiometabolischen Risikofaktoren für 6.230 Erwachsene in der Framingham Heart Study. Diese lang andauernde Studie untersucht seit 1948 das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen von Einwohnern der Stadt Framingham in Massachusetts. Zu den berücksichtigten Risikofaktoren der neuen Studie gehörten Taillenumfang, Blutdruck und Plasmaglukose sowie Triglycerid- und HDL-Cholesterinkonzentrationen.

Insgesamt identifizierte die Analyse bestimmte Assoziationen zwischen geschmacksbezogenen Genen mit Lebensmittelgruppen und kardiometabolischen Risikofaktoren. Die Daten zeigten, dass Gene im Zusammenhang mit Bitter- und Umami-Geschmack eine besondere Rolle bei der Ernährungsqualität spielen könnten. Offensichtlich beeinflussen sie die Lebensmittelauswahl am stärksten. Dennoch scheinen Gene im Zusammenhang mit Süß für die kardiometabolische Gesundheit wichtiger zu sein.

Umami-Menschen essen weniger rotes Gemüse

Die Forscher fanden beispielsweise heraus, dass Studienteilnehmer mit einem höheren polygenen Bittergeschmack fast zwei Portionen weniger Vollkornprodukte pro Woche aßen als Teilnehmer mit einem niedrigeren bitteren polygenen Geschmack. Die Forscher beobachteten auch, dass ein höherer polygener Umami-Geschmackswert mit dem Verzehr von weniger Gemüse, insbesondere rotem und orangefarbenem Gemüse, verbunden war. Ein höherer polygener süßer Geschmackswert war tendenziell mit niedrigeren Triglyceridkonzentrationen gepaart.

Die Forscher warnen davor, dass die Ergebnisse dieser speziellen Gruppe von Erwachsenen nicht unbedingt für alle verallgemeinerbar sind. „Unsere Ergebnisse legen jedoch nahe, wie wichtig es ist, bei der Untersuchung der Determinanten des Essverhaltens mehrere Geschmäcker und Lebensmittelgruppen zu betrachten“, sagte Gervis.

„In Zukunft wird es wichtig sein, zu versuchen, diese Ergebnisse in verschiedenen Personengruppen zu replizieren, damit wir das Gesamtbild verstehen und besser bestimmen können, wie wir diese Informationen nutzen können, um personalisierte Ernährungsratschläge zu entwickeln.“

Quelle:

Julie Gervis, Jiantao Ma, Kenneth Chui, Alice Lichtenstein, Association of Taste-Related Genes With Diet Quality and Cardiometabolic Risk Factors Among Community-Dwelling Adults – The Framingham Heart Study, Current Developments in Nutrition, Volume 6, Issue Supplement_1, June 2022, Page 1112, https://doi.org/10.1093/cdn/nzac078.006 (https://academic.oup.com/cdn/article/6/Supplement_1/1112/6607256)

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Kornelia ist ausgebildete Redakteurin, Buchautorin und freie Texterin. Ihre Erfahrung mit Ess-Störungen hat sie in drei Kochbüchern beschrieben, die alle den Gourmand World Cookbook Awards von Edouard Cointreau gewonnen haben. Ihr Buch Cooking for Happiness hat sogar den Titel ‘Best in the World’ in der Kategorie Innovativ erhalten. Neben Ernährung faszinieren sie vor allem Themen im Bereich Gesundheit. Ihr umfangreiches Wissen in diesen Gebieten stellt sie leicht verständlich dar. Besonders liegt ihr eine ganzheitliche Sicht der menschlichen Existenz im Allgemeinen und Körperfunktionen im Besonderen am Herzen.

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